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Von der Spree auf KSS

Von Dieter Dieter Liebenau
Erschienen im Januar 2010 in KSS Broschüre 9

Nach heutiger Lesart war ich bis zu meinem 15. Lebensjahr ein Wessi. Ursächlich verantwortlich dafür waren, wenn man es so nennen will, meine Eltern. Beide wurden in brandenburgischen Ortschaften geboren, die 1920 zu Groß Berlin kamen und nach 1945 zu Westberlin gehörten. Mein Vater erblickte in Rixdorf, dem jetzigen Neukölln, das Licht der Welt. Im noch heute wegen seiner sozialen Probleme berüchtigtem Rollbergviertel wuchs er auf und fand dort im Kommunistischen Jugendverband und ab 1929 in der KPD seine politische Heimat. Er war tief in seinem Kiez verwurzelt, auch Großvater und andere Verwandte lebten dort. So war es folgerichtig, dass meine Eltern Neukölln als ihren Wohnsitz wählten und natürlich steht in den Geburtsurkunden meiner zwei Brüder und selbstverständlich auch in meiner – geboren in Berlin-Neukölln.

Nur kurz war die friedliche Periode unserer Kindheit. Schon bald bestimmte der Krieg mit seinen Bombennächten unser Leben. Pilgerten wir nach den ersten Luftangriffen auf Berlin noch meilenweit, um die zerstörten Häuser zu bestaunen und um Bombensplitter zu sammeln, so wurden die Wege schnell kürzer. Bereits 1942 sahen wir aus dem Fenster unseres Kinderzimmers in der Neuköllner Allerstraße eine große Anzahl von zerbommten und ausgebrannten Häusern.

Mit Kriegsbeginn war mein Vater als Werkzeugschleifer in einen Rüstungsbetrieb dienstverpflichtet worden. Hier traf er viele Gleichgesinnte und baute mit den Zuverlässigsten von ihnen eine der größten Widerstandsgruppen in Berlin auf, die er bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht 1944 leitete.

Ständiges Ziel der Luftangriffe auf Berlin war der Flugplatz Tempelhof. Viele verirrte Bomben trafen die umliegenden Gebäude. Nur ein schmaler Park trennte unseren Wohnblock vom Rollfeld des Flughafens. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch unser Haus von Bomben getroffen wurde. Im Februar 1944, während eines schweren Luftangriffes erhielt das Karree mehrere Treffer. Unsere Wohnung wurde stark beschädigt und unbewohnbar. Vaters letzte Handlung als Zivilist war, uns zu unserer Großtante nach Rosengarten, einen Vorort von Stettin jenseits der Oder, zu bringen. Einen Tag später zog er in den Krieg.

In Rosengarten war die Welt noch in Ordnung. Die Nächte waren ruhig, der Schulunterricht regelmäßig. Doch diese Idylle sollte sich schnell ändern. Bereits im Spätsommer 1944 zogen endlose Flüchtlingstrecks aus den deutschen Ostgebieten gegen Westen. Als zum Jahresende Panzersperren auf der Dorfstraße errichtet wurden und deutsche Soldaten sich vor dem Ort eingruben, wussten wir, der Krieg hat uns eingeholt. Im Januar 1945, es war ein bitterkalter Tag, mussten wir Rosengarten verlassen und auch für uns begann das Flüchtlingsdasein. Gemeinsam mit unseren Verwandten zogen wir gen Westen, schliefen im Tanzsaal einer Dorfkneipe, wohnten im Schloss, hausten im verlassenen Schäferwagen und strandeten schließlich Anfang April 1945 in Greifswald. Wie durch ein Wunder erhielten wir hier eine Wohnung in der Rotgerberstraße. Greifswald war für uns ein Glücksfall. Durch die kampflose Übergabe der zur Festung erklärten Stadt durch Oberst R. Petershagen und seine Gefährten erlebten wir eine fast bilderbuchhafte Befreiung durch die Rote Armee.

Mit dem ersten zivilen Zug, der von Greifswald in Richtung Berlin fuhr, es war wohl im Juni 1945, machte sich unsere Mutter mit ihren drei Söhnen auf dem Weg in unsere Heimatstadt. Statt in Berlin endete dieser Zug in Scheune, einen Vorort von Stettin. Niemand wusste, ob von diesem gottverlassenen Ort jemals ein Zug in Richtung Berlin fahren würde. So suchten und fanden wir einen Wegweiser nach Berlin und machten uns mit unseren wenigen Habseligkeiten zu Fuß auf den Weg.

Zwei endlos lange Wochen dauerte dieser Marsch durch unser zerstörtes Heimatland. Massenhaft lag Kriegsgerät, Waffen und Munition am Straßenrand. Problemlos füllten die Soldaten der Roten Armee unsere leeren Kochgeschirre. Platz zum Schlafen fanden wir immer in einem der vielen leer stehenden Häuser.

Gemeinsam mit uns zogen die ersten amerikanischen Truppen in Berlin-Neukölln ein. Durch Vermittlung der KPD-Kreisleitung erhielten wir eine Wohnung in der Neuköllner Roseggerstraße, unweit der Sonnenallee. Für die damalige Zeit war es eine tolle Wohnung. Nur wussten wir anfangs nicht, dass wir sie mit Hunderten von Wanzen teilen mussten.

Im Herbst 1945 begann auch wieder der Schulunterricht. Summiert man alle kriegsbedingten Fehlzeiten, so fehlten uns rund zwei Schuljahre – ein Viertel unserer achtjährigen Schulzeit. Inhalt und Methoden des Schulunterrichtes in den westlichen Schulen bestimmten im Wesentlichen die im Dienst ergrauten Beamten. Auch die Kapitulation hatte ihre Gesinnung nicht verändert. So lehrte uns zum Beispiel unser Schuldirektor, dass die Umbenennung der Neuköllner Bergstraße in Karl-Marx-Straße eine nationale Schande wäre und nur von kurzer Dauer sei. Sie heißt noch heute so. Meine Nichtteilnahme am Religionsunterricht brachte mir neben Unverständnis auch viele Anfeindungen durch Lehrer und Mitschüler ein.

Im Januar 1948 kehrte unser Vater aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück. Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer an der Bezirksparteischule der SED besuchte er einen Einjahreslehrgang an der Parteihochschule „Karl Marx“. Meine Mutter war als Filialenleiterin des „Neuen Deutschland“ verantwortlich für die Zustellung dieser Zeitung in Neukölln. Politisch und ökonomisch drifteten die acht unter sowjetischer Verwaltung und die 12 unter Verwaltung der westlichen Alliierten stehenden Berliner Bezirke immer weiter auseinander. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der separaten Währungsreform in den Westzonen am 20. Juni 1948. Drei Tage später wurde die Westmark auch in Westberlin offizielles Zahlungsmittel. Schlagartig änderte sich mit der Einführung der Westmark auch das Angebot in den Geschäften in Westberlin. Solche Waren, wie Bananen, Apfelsinen, Fisch, Fleisch, Textilien und vieles andere, die über viele Jahre nicht vorrätig waren und die wir zum Teil gar nicht kannten, gab es plötzlich im Überfluss.

Trotz der unterschiedlichen Entwicklung in den Berliner Sektoren gab es noch immer einen historisch gewachsenen gemeinsamen Arbeitsmarkt. Der Westberliner Senat konnte somit nicht umhin, für seine Bürger die Möglichkeit zu schaffen, 80% des in Ostberlin verdienten Geldes 1:1 in Westmark umzutauschen. Ausgenommen von dieser Regelung waren politisch missbillige Personen. Unsere Eltern zählten selbstverständlich zu dieser Personengruppe. So lebten wir zwar in Westberlin, hatten aber keinen Pfennig der dort gültigen Währung zur Verfügung. Der Ostberliner Magistrat ermöglichte es, dass wir zu mindestens Lebensmittel im Osten der Stadt kaufen konnten. Miete, Strom und Gas konnten wir nicht bezahlen und so stiegen die Schulden unserer Eltern jeden Monat beträchtlich. Gleichzeitig verschärfte sich die politische Konfrontation. Auch wir Kinder waren davon betroffen. Unserer FDJ-Gruppe wurde die Nutzung des Jugendklubs in der Ganghoferstraße verwehrt. Im Neuköllner Schwimmbad wurde das Training für unseren Verein gestrichen. Der Vertrieb und die Zustellung des Neuen Deutschland waren legal nicht mehr möglich, die Fahrten der Straßenbahnen über die Sektorengrenzen wurden durch den Senat massiv behindert.

Im Tagesspiegel und anderen Westzeitungen überschlugen sich die Autoren in den Forderungen nach Freiheit und Menschenrechte. Uns meinten sie damit offensichtlich nicht. Im Januar 1950 kam es wegen unseren Miets- und Energiekostenrückstände zur Verhandlung vor dem Amtsgericht in Neukölln. Das Angebot unseres Vaters sofort alle Rückstände mit dem Geld, das er für seine Arbeit in Ostberlin erhielt, zu bezahlen, wurde ohne Diskussion abgelehnt. Das Gericht erklärte unsere Eltern als allein schuldig an diesem Dilemma. Unsere Exmittierung wurde auf den 8. Februar 1950 festgelegt. Sollten die Schulden nicht beglichen werden, drohte an diesem Tag auch die Pfändung unserer wenigen Habseligkeiten. In den sehr frühen Morgenstunden des 6. Februar war unsere Wohnung plötzlich voller kräftiger Männer, Genossen unserer Eltern. In wenigen Minuten war unsere karge Habe auf einem LKW verladen. Die aus dem nah gelegenen Revier herbeieilende Polizei sah nur noch die Rücklichter unseres Möbelwagens. Nach wenigen Minuten passierten wir die Sektorengrenze. Wir waren abgehauen – nach Osten.

Am 13.02.1950 meldete uns unserer Vater auf dem Revier der Volkspolizei an. Von diesem Tag an waren wir Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Ab Herbst 1950 erlernte ich den ehrbaren Beruf eines Elektro-Schlossers im RAW Berlin – Schöneweide. Ziel unserer Ausbildung war die Wartung und Reparatur von S-Bahnen. Bald war ich Mitglied der FDJ-Leitung unserer Betriebsgruppe.

Mit der Gründung der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) boten sich auch für mich interessante Möglichkeiten einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Das bei mir seit vielen Jahren vorhandene Interesse an der Seefahrt wurde in der GST gefördert und in sinnvolle Bahnen gelenkt. Als einer der Ersten erwarb ich das Seesportabzeichen. Die dazu gehörige Urkunde trägt die Nummer 00119.

Von-der-Spree-auf-KSS-1Am 06.09.1953 fanden in der BRD zum zweiten Mal Wahlen zum Bundestag statt. Im Vorfeld dieser Wahlen lud Adenauer insbesondere die Jugend der DDR (er sagte selbstverständlich Soffjetzone) ein, um sich von dem freiheitlichen Charakter dieser Wahl persönlich zu überzeugen. Die FDJ nahm diese Einladung an und so fuhr auch ich mit mehreren Jugendfreunden nach Kiel. Leider war es uns nicht möglich die gepriesene Freiheit zu studieren. Bereits einen Tag nach unserer Ankunft wurden viele junge Menschen, darunter auch ich, auf offener Straße verhaftet. Da uns keine Straftat nachzuweisen war, klagte man uns wegen Urkundenfälschung an. Zu dieser Zeit benötigte man für Reisen zwischen den deutschen Staaten einen Interzonenpass und eine amtliche Einladung des Gastgebers. Der gegen uns erhobene Vorwurf lautete, dass unsere Einladungen gefälscht waren. Für 12 Tage hatte ich nun freie Kost und Logis im „Strafgefängnis und Untersuchungshaftanstalt Kiel“. Nach dem überwältigenden Wahlsieg Adenauers war man dann aber sichtlich bemüht, uns ohne Aufsehen schnell loszuwerden. Starke Polizeikräfte eskortieren uns zur Grenze. Nach der Abschiebung trugen unsere Interzonenpässe den Stempelaufdruck „Aus der Bundesrepublik Deutschland ausgewiesen“. Damit konnte ich gut leben.

Bereits vor dieser Reise in die „Freiheit“ hatte ich meine Lehre abgeschlossen und war nun als Betriebselektriker im RAW tätig. Wenige Wochen nach meiner Rückkehr aus Kiel traf ich nach der Arbeit unseren FDJ-Sekretär. Beiläufig fragte er mich, ob ich nicht am Dienst in der Kasernierten Volkspolizei interessiert wäre. Meine eindeutige Antwort war: „Ja, aber nur bei der VP-See“. Bereits am nächsten Morgen wurde ich in der Werkstatt von einem Offizier der Kreisregistrierabteilung erwartet. Er überraschte mich mit der Nachricht, dass ich mich als Offiziersschüler bei der VP-See beworben hätte. Das war mir neu, aber abgeneigt war ich auch nicht. So füllte ich den Fragebogen aus, ging zur Tauglichkeitsuntersuchung und wartete auf die kommenden Ereignisse. Die Wartezeit war kurz. Bereits am 19.10.1953 saß ich im Zug nach Kühlungsborn. Hier lernte ich einen Herrn Schwertfeger kennen. Er hatte das gleiche Ziel und war wie ich Elektriker von Beruf.

Gemeinsam loteten wir unsere Chancen bei der VP-See aus. Bald kamen wir zu der Erkenntnis, dass die Nachrichtenlaufbahn, bedingt durch unsere Vorkenntnisse in der Elektrotechnik, für uns das Beste sei. Es war eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Schwertfeger wurde 1954 von einer jungen Frau nach Westberlin gelockt. Die Frau sah er nie wieder. Dafür lernte er aber alle Geheimdienste der westlichen Welt kennen. 1955 kehrte er in die DDR zurück und wurde hier wegen Fahnenflucht verurteilt.

Ab den 01.11.1953 war ich stolzer Offiziersschüler an der Nachrichtenoffizierslehranstalt in SaßnitzDwasieden. Ehrfurchtsvoll bestaunten wir im Hafen die KS-Boote und das Schulschiff „Ernst Thälmann“, die ehemalige dänische „Hvidbjörnen“. Drei Mal wechselte unsere Schule den Standort. Von Saßnitz ging es nach Parow, dann nach Kühlungsborn. Unsere Abschlussprüfung legten wir in Stralsund an der Schwedenschanze ab. Mit etwa 70 Mann hatten wir angefangen, 26 wurden am 7.10.1956 zum Unterleutnant(N) ernannt.

Mein Wunsch nach einem Bordkommando erfüllte sich leider nicht. Stattdessen wurde ich als Nachrichtenoffizier im Stützpunkt Saßnitz eingesetzt. Mit 21 Jahren war ich praktisch über Nacht Vorgesetzter von etwa 50 fast gleichaltrigen Matrosen und Unteroffizieren geworden. Mir unterstanden alle Nachrichteneinrichtungen im Stützpunkt der 3. Flottille, wie Funksende- und Empfangsstelle, ZBund OB-Vermittlung, Fernschreibstelle, Nachrichtenwerkstatt, Feldkabelbautrupp, Fernmeldeentstörer, Auswertezentrale und die Signalstelle. All diese Einrichtungen waren 7 Tage in der Woche 24 Stunden besetzt. Fast ständig kollidierte dieser Dienst mit dem Rahmendienstplan der Stabskompanie. Funker, die am Tage schliefen und Signäler, die montags dienstfrei hatten, waren dort nicht vorgesehen. Der ständige Stress mit dem Stützpunktkommandanten Mangold und dem Kompaniechef Rabe nahmen mir jegliche Freude an dieser an sich interessanten und anspruchsvollen Aufgabe. Ende 1957 wurde wieder einmal umstrukturiert. Ich hatte Glück und bekam endlich das lang ersehnte Bordkommando. Als NO diente ich die nächsten 12 Monate im Stab der 3.Räumabteilung. In dieser Zeit räumten wir mit Booten des Typs „Schwalbe“ mittels Hohlstab die letzten Minen des 2. Weltkrieges vor Stubbenkammer, westlich Hiddensee und vor der Küste des Darß. Über viele Monate waren der kleine Hafen und die wenigen Häuser von Barhöft für uns Heimat. Am Ende des Ausbildungsjahres hatten wir unsere Aufgabe erfüllt, die 3. R-Abteilung wurde aufgelöst. Das war für mich wieder ein ausgesprochener Glücksfall, denn meine neue Dienststellung hieß Kommandeur GA IV auf KSS 601, der späteren „Karl Marx“. Also packte ich meine Habseligkeiten, die in einer kleinen Ecke in der Kommandantenkammer auf der „Schwalbe“ verstaut waren, zusammen und fuhr nach Warnemünde.

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In der Warnow-Werft suchte und fand ich zwischen Kabelkrananlage, Docks und vielen fertigen und halb fertigen Schiffen mein KSS. Mit gemischten Gefühlen ging ich an Bord und meldete mich bei dem Gehilfen des Kommandanten, Genossen Knobloch. Mein neues Zuhause wurde die Kammer 2 im Offiziersdeck. Spartanisch einfach aber mit 2 Kojen, 2 Spinden, Backskisten, Schreibtisch, Waschbecken und Bulley erschien sie mir im Gegensatz zur „Schwalbe“ riesig und zweckmäßig. Im Vergleich zu den Matrosen und Maaten wohnten wir Offiziere fürstlich.

Auch mit dem Abstand von 50 Jahren kann ich mit Fug und Recht sagen, dass mit meiner Meldung an Bord die prägenden Jahre meiner Dienstzeit begannen. Schnell fand ich nicht nur meinen angestammten Platz an der langen Back in der O-Messe, sondern, was viel wichtiger war, auch einen festen Platz im Kollektiv des Schiffes. Gern erinnere ich mich an Werner Grütz, Fritz Hochheim und Horst („Mulle“) Seegert und die vielen anderen Offiziere, die mir in den ersten Monaten helfend zur Seite standen. Diese Aufzählung wäre unvollständig, wenn ich nicht unseren Kommandanten Manfred Kretzschmar erwähnen würde. Wenn es so etwas wie ein Vorbild für uns junge Offiziere gab, so war es zweifelsohne unser Kommandant. Viel älter als wir war er nicht, aber er war für uns durch sein Auftreten, seine Erfahrungen und seiner fachlichen Kompetenz eine Persönlichkeit und ein Seemann vom echtem Schrot und Korn.

Von-der-Spree-auf-KSS-3Die Lernphase an Bord war kurz aber intensiv. Das Schiff, die andere Technik, die Gefechtsorganisation und vieles Andere war neu und musste in kurzer Zeit beherrscht werden. Unvergessen bleibt mir das erste Auslaufen nach Beendigung der Werftliegezeit. Ruhig, ohne den Lärm von Dieselmotoren, legte das Schiff ab, nahm zügig Fahrt auf und passierte nach wenigen Minuten auslaufend die Warnemünder Mole. Zum ersten Mal fuhr ich auf einem „richtigen“ Schiff zur See. Mit Kurs Heimathafen Saßnitz erreichten wir bald das Feuerschiff Gedser Rev, das, wie immer, seemännisch exakt den Flaggengruß zeigte, den unsere Signäler  ebenso exakt erwiderten.

Als Kommandeur GA IV war ich zugleich Wachoffizier. Die anderen GA Kommandeure, außer GA V, kamen aus der seemännischen Laufbahn und hatten eine fundierte seemännische Ausbildung. Ich war ausgebildeter Nachrichtenoffizier. Schwerpunkte unserer Ausbildung waren Nachrichtentechnik und deren taktischer Einsatz sowie Funk- und Signaldienst gewesen. Natürlich wurden uns auch seemännische Grundkenntnisse vermittelt aber für eine WO-Prüfung reichten diese nicht. Die „alten“ WOs waren hervorragende Lehrer und so bestand ich bereits nach kurzer Zeit die WO-Prüfung. Mit Lernen, Seefahrt, Ausbildung und Wartung und Pflege der Technik vergingen die ersten 12 Monate Monate auf KSS wie im Fluge.1959 kaufte die DDR zwei weitere, bereits modernisierte KSS von der SU. Die Besatzungen aller KSS wurden neu formiert. Ich verließ die 601und diente in den folgenden Jahren auf dem KSS 701 der späteren „Friedrich Engels“. Am Tage der Indienststellung der neuen Schiffe hissten Karl Hahn und ich unter den Klängen der Hymne der DDR die Dienstflagge unserer Marine auf dem KSS 701.

In der O-Messe der „Friedrich Engels“
In der O-Messe der „Friedrich Engels“

Das Leben an Bord wurde nicht einfacher. Mit der Verschärfung der internationalen Lage stiegen die Anforderungen an die Gefechtsausbildung und die Einsatzbereitschaft ständig. Unzählige Meilen legten wir während der Ausbildung und bei operativen Aufgaben mit dem Schiff zurück. Niemand weiß wie viel Stunden wir bei schlechtem, selten bei gutem Wetter als WO auf der Brücke standen oder auf der Gefechtsstation Wache schoben. Niemand kennt die Anzahl und den Inhalt der Flüche, wenn es um Mitternacht hieß: „Neue Wache klarmachen zur Wachablösung“. Unvergessen ist die Freude über einen warmen Mittelwächter und einen Topp heißen Kaffee nach vierstündiger Seewache bei eisigem Wind an Oberdeck. Viele Erinnerungen sind in den Jahren verblasst. Geblieben ist das Wissen über den hohen Ausbildungsstand unserer Besatzung, verbunden mit dem Willen jede gestellte Aufgabe mit bestem Ergebnis zu erfüllen.

Turbinenmeister Michalzik
Turbinenmeister Michalzik

Die Technik unserer Schiffe war nicht supermodern aber gut und zuverlässig. Die Reichweite unserer Artillerie war beachtlich. Die Technik ist das Eine aber erst die Einheit von Maschinen, Geräten, Waffen und Menschen ist das Maß für die Kampfkraft eines Schiffes. Gern erinnere ich mich an solche hervorragende Spezialisten wie „meine“ Funkmeister Koch, Wogenstein und Sörensen, an den Signalmaat Udo Karow oder an den Hydro-Maat Lange aber auch an die vielen hochqualifizierten Funker, Signäler, Hydroakustiker, Funkmesser, Artilleristen, Heizer, Rudergänger, Fahrmaate, deren Namen ich den vergangenen Jahren leider vergessen habe. Unverzeihlich wäre es, wenn ich unseren Smutje Paul Kaune nicht nennen würde. Lebhaft in Erinnerung ist mir unsere Meisterei mit dem Oberbootsmann Lehneis, Oberstückmeister Dettmer, Turbinenmeister Michalzik und Kesselmeister Kitzmann. Genosse Kitzmann starb Jahre später beim Untergang des Tankers „MS Böhlen“ den Seemannstod.

Viele unvergessene Erlebnisse verbinden sich mit dem Dienst auf KSS. Zu nennen wären die Parade auf dem Greifswalder Bodden anlässlich der Verleihung des Ehrennamens „Volksmarine“ oder die Namensgebung der KS-Schiffe, oder Navigationsbelehrungsfahrten in die Nordsee, oder Flottenbesuche, unzählige gemeinsame Manöver der Verbündeten Ostseeflotten, Besuche hochrangiger Persönlichkeiten an Bord, Bordfeste, die fast schon legendäre Orkanfahrt im Oktober 1967 aber auch die schwierigen Zeiten während der erhöhten Gefechtsbereitschaft 1961 und 1962. Diese Aufzählung erhebt keinesfalls den Anspruch auf Vollzähligkeit. Spontan könnte ich sie ergänzen mit den vielen erfolgreichen U-Jagd-Abschnitten, dem einmaligem Einlaufen eines KSS, Projekt 50 in Peenemünde, der Teilnahme der Besatzung an der Feldparade in Sczceczin, dem Empfang einiger Offiziere unseres Schiffes auf dem polnischen Zerstörer „Blyskawica“ mit gutem Essen und viel Wodka, dem gemeinsamen Training von KSS und TS-Booten zur U-Boots-Abwehr. dem leider in letzter Minute abgesagten Schießen mit Hauptkaliber auf Küstenziele an der polnischen Küste, dem ersten Torpedoangriff eines WO’s, den ich fahren durfte sowie das erstmalige Bebunkern eines KSS während der Fahrt.

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Im Herbst 1961 wurde die Stellung des Kommandeurs GA IV durch die Eingliederung des Beobachtungsabschnittes in seinen Verantwortungsbereich erheblich gestärkt. Für mich hatte diese Veränderung der Gefechtsorganisation erhebliche persönliche Konsequenzen. Ende des Ausbildungsjahres 1961/62 verließ ich schweren Herzens die „Friedrich Engels“. Das Schiff und Teile der Besatzung gingen für ein Jahr in die Werft nach Kronstadt. Ich absolvierte einen EinjahresLehrgang für Funkmesstechnik an der Schwedenschanze und aus dem Nachrichtenoffizier wurde ein Funktechnischer Offizier (FTO). Nach diesem Lehrgang erfüllte ich drei Jahre meine Aufgaben als FTO der 6. TS-Abteilung. Noch heute bin ich mir sicher, dass ich die ersten grauen Haare der Funkmess-Station „Reja“ verdanke. Die Belastung für Mensch und Technik auf den TS-Booten des Typs 183 war beachtlich. Die damaligen elektronischen Bauelemente waren dieser Belastung oftmals nicht gewachsen und hauchten reihenweise ihr Leben aus. Radioröhren, ob Triode oder Pentode, eingesetzt als Verstärker- oder Taströhre, waren zur damaligen Zeit das Herz der hochfrequenten Technik. Vergegenwärtigt man sich das filigrane Innenleben dieser Röhren mit Ihren Steuer- und Bremsgittern, Anoden und Kathoden so relativieren sich die Ausfälle und die Standfestigkeit dieser Bauelemente verdient letztendlich doch Respekt.

1966 wurden die Stäbe in den Schnellbootsabteilungen aufgelöst. Es ergab sich, dass zu diesem Zeitpunkt die Dienststellung des FTO der KSS – Abteilung vakant war. Ich war mehr als glücklich, dass ich mich als neuer FTO beim ACH der KSS – Abteilung, Fregattenkapitän Kretzschmar, melden konnte. Es folgten zwei interessante, schöpferische Jahre an der Seite von Gerhard Liebmann, Gerhard Wehrend, Alfred Ginzel, Horst Peschel, Helmut Halke, Ernst Veit und vielen anderen Stabsarbeitern im Stab der KSS-Abteilung.

Am 1. März 1968 kam der endgültige Abschied von den Menschen und den Schiffen der KSS – Abteilung. Ich ging nach Naumburg und absolvierte dort den Vorbereitungslehrgang für den Besuch der Seekriegsakademie in Leningrad. Vier unvergessliche Jahre lebte und lernte ich in dieser wunderschönen Stadt an der Newa. Im Frühjahr 1972 schrieb ich meine Diplomarbeit über Probleme der elektronischen Steuerung des Radarstrahles an Bord von Kriegsschiffen. Nach der Rückkehr in die Heimat war ich bis zu meiner Versetzung in die Reserve in der 6. Flottille als Flottillenoffizier verantwortlich für den Einsatz der funkelektronischen Mittel.

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Seit meiner Meldung als neuer Kommandeur GA IV auf der späteren „Karl Marx“ bis zum Schreiben dieses Beitrages sind fast auf dem Tag genau 50 Jahre vergangen. Trotz dieser langen Zeit sind die Jahre auf KSS in den Erinnerungen gegenwärtig. Wer auf KSS gefahren ist, weiß, dass die Jahre an Bord nicht einfach waren. Nicht nur Matrosen und Maate sondern auch fast alle Offiziere wohnten damals ständig an Bord. Wohnungen in Standortnähe waren rar. Faktisch war jeder täglich 24 Stunden im Dienst. Fast alles, was man tat, war öffentlich. Zeit und Raum für eine Privatsphäre waren nicht vorgesehen. Die Ausbildung war hart, freie Tage oder Urlaub waren relativ selten. Trotz all dieser und vieler anderer Probleme und Ärgernisse kenne ich keinen KSS–Fahrer, der diese Zeit missen möchte. Ohne die Jahre auf KSS an der Seite von Manfred Kretzschmar, Uli Korn, Dietrich Dembiany, Peter Dölling, Gerhard Wehrend, Werner Grütz, Fritz Süße, Kurt Urmoneit, Horst Seegert und den vielen Nichtgenannten wäre das Leben ärmer. Strapazen, Ärger, Entbehrungen und Stress sind vergessen. Geblieben ist der Stolz in einer deutschen Marine gedient zu haben, die mit Recht den Ehrennamen „Volksmarine“ führte.

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