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Umgefallen

von Manfred Köhler
veröffentlicht in KSS Broschüre Teil 4

Wenn alte Geschichten aus der 1159-Zeit in Baku ausgekramt werden, dann ist da auch immer eine von einem besonderen Besuch im Medpunkt dabei. Da ich selbst beteiligt war, möchte ich diese Geschichte hier zum Besten geben und gleichzeitig einiges richtig stellen. Im Verlaufe der Zeit ist das, was damals eigentlich geschah, doch erheblich verdreht und aufgebauscht worden. Und das nicht gerade zu meinen Gunsten!

Im ersten Halbjahr unseres Lehrganges als „Ekipash“ in Baku musste ich als Dolmetscher einen unserer Kameraden ins „Sanshast“ begleiten. Er fühlte sich sehr unwohl und sollte sich einer Untersuchung unterziehen. Seine Russischkenntnisse reichten noch nicht aus, um seine Leiden so genau zu beschreiben, daß die Ärzte mit seiner Schilderung etwas hätten anfangen können. Der Patient wurde durch die behandelnde Ärztin eingehend befragt. Dieses Frage-und-Antwort-Spiel hatte ich als Dolmetscher eifrig unterstützt. Schließlich war die Befragung beendet. Unser Patient wurde auf eine Pritsche gelegt und man ging daran, ihm Blut für eine Laboruntersuchung abzunehmen.

Da meine Dienste als Dolmetscher im Augenblick nicht gebraucht wurden, machte ich es mir ein wenig bequem und lehnte mich lässig an einen Medizinschrank. Dieser stand offen und es roch daraus etwas komisch, was mich aber nicht sonderlich beunruhigte. Ich unterhielt mich ein wenig mit der Ärztin und merkte plötzlich, dass meine Zunge mir nicht mehr so recht gehorchen wollte. Der Ärztin war anscheinend auch etwas aufgefallen, denn sie fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Natürlich, „wsjo w porjadkje“ (alles in Ordnung), war meine Antwort. Leider war aber nicht alles in Ordnung, denn eh´ ich begriff, was eigentlich los war, passierte es auch schon – mir wurde ganz schwindlig und ich landete in voller Länge auf den Fliesen des Behandlungszimmers. Erschrocken fuhr die Ärztin, die gerade die Blutabnahmen beendet hatte, herum. Sie half mir wieder auf die Beine und setzte mich auf eine in der Nähe befindliche Bank. Ihre Frage, ob ich allein sitzen könne, verstand ich gründlich falsch, denn ich knurrte nur beleidigt, dass ich das mit meinen 26 Jahren wohl noch hin bekommen würde. Doch kaum hatte sie sich wieder unserem kranken Kameraden zugewandt, als sie auch schon ein ziemlich heftiges, dumpfes Krachen hinter sich hörte. – Ich war aus meiner Sitzhaltung heraus von der Bank nach vorn gekippt und mit voller Wucht und ohne zu bremsen mit der Stirn auf die Fliesen geknallt. Dieser Vorfall brachte selbst unseren kranken Kameraden wieder auf die Beine, der sich plötzlich deutlich besser fühlte. Muß für ihn wohl so etwas wie eine Schocktherapie gewesen sein.

Was war nun das Resultat der ganzen Geschichte? – Als völlig gesunder Mensch hatte ich einen Kranken ins Revier begleitet. Dieser konnte – fast geheilt – gleich wieder an sein Studium gehen, während ich drei volle Wochen mit einer Gehirnerschütterung das Bett hüten musste. Böse Zungen behaupteten nun, ich könnte kein Blut sehen und wäre nur deshalb umgefallen. Aber ich sage Euch, irgend etwas Mysteriöses ist diesem Medizinschrank entströmt. Davon bin ich felsenfest überzeugt, zumal ich mich auch an ein offenes Fläschen im Schrank zu erinnern glaube. Jedenfalls habe ich es seither stets vermieden, mich in der Nähe offener Medizinschränke aufzuhalten.

 

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