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Stabsdienst im Stützpunkt

von Hans Steike
veröffentlich in KSS Broschüre 3

Ein nasskalter Novembermorgen. Der Diensthabende der KSS-Abteilung (KSSA), Korvettenkapitän Kießling, im täglichen Dienst UAW- und Sperr-Offizier ist nach der Kontrolle des Frühsportes der Besatzungen und einem kurzen Frühstück auf einem der Schiffe auf dem Rückweg zur Stabsbaracke. Er schlägt den Kragen seines Wintermantels nach oben. Auf dem gut ausgeleuchteten Plattenweg muß er unwillkürlich zurück denken, an die Zeit, als dieser Weg noch unbefestigt und unbeleuchtet quer durch ein rohr- und buschbewachsenes Spülfeld führte und besonders in der Dämmerung und nachts Begegnungen mit Wildschweinen keine Seltenheit waren.

Vor sich hin schmunzelnd fällt ihm ein, wie einmal sogar der Versuch gemacht wurde, so einen Schwarzkittel im Schuppen neben der Baracke zu fangen. Ein Teil dieses Schuppens war durch ein Maschendraht-Tor verschließbar. Nachdem eine Wildschweinfamilie allmählich daran gewöhnt wurde, bei geöffnetem Tor nach dort deponierten Brotresten zu suchen, wurde es ernst. Ein langer Strick wurde am Tor befestigt und hinter die Barackenecke geführt. Dort lauerte der Org.-Offizier auf den günstigsten Moment, um die schmatzende Gesellschaft einzuschließen. Als sich zwei Überläufer an den Brotresten zu schaffen machten, zog er zu. Eines der Schweine zwängte sich noch am Tor vorbei. Das andere war gefangen und quiekte jämmerlich. Da brach die wütende Bache aus dem Rohrdickicht, scheuchte die neugierigen Zuschauer, die sich den Fang anschauen wollten, in die Baracke zurück und tobte vor dem Schuppentor. Was bei der Planung der Aktion niemand für möglich gehalten hatte: Dem Gefangenen gelang es, sich unter dem Torrahmen hindurch zu zwängen und in die Freiheit zu entwischen. Nix mit Wildschwein-Braten!

Nach wenigen Minuten Fußmarsch kommt die Stabsbaracke, die sich direkt an den Deich des Seekanals duckt, in Sicht und beendet Kießlings Ausflug in die Vergangenheit. Er schreibt das Kontrollergebnis in seine Wach-Kladde und entlässt seinen Gehilfen, einen Maaten, täglich durch ein anderes Schiff gestellt, zum Frühstück an Bord. Ein kurzer Gang durch die Dienstzimmer bestätigt, daß der ebenfalls von Bord abkommandierte Arbeitsposten die Kachelöfen ordentlich eingeheizt und alle Kohlenkästen gefüllt hat. Mit der Heizerei ist das so eine Sache. Seit die Jugend immer öfter in fernbeheizten Wohnungen aufwächst, ist für manchen Arbeitsposten das Anheizen eines Ofens etwas völlig Unbekanntes. Schon öfter war es in den Zimmern bei Dienstantritt noch saukalt, dafür aber ordentlich verqualmt.

Gegen 07.30 Uhr trifft der Dienst-PKW des Abteilungs-Chefs (ACH) ein. Kurze Meldung an den Kommandeur, dann eilt dieser in sein Zimmer, um bei einer ersten Zigarette die telefonischen Morgenmeldungen der Kommandanten entgegen zu nehmen. Kießling kann sich in Ruhe auf die Morgenlage vorbereiten, während sich nach und nach die spartanisch eingerichteten Diensträume füllen. Vom Eingang aus gesehen auf der linken Flurseite ist das erste Zimmer durch Navigations-, MKE- und durch den Offizier für Inneren Dienst (ID) belegt. Hauptaufgabe des letzteren ist der Bereich militärische Disziplin und Ordnung. Das nächste Zimmer gehört den drei Waffenspezialisten: Artillerie, Raketenwaffen und U-Boot-Abwehr. Im Zimmer 3 haben der für Personalplanung und die tägliche Stärkemeldung verantwortliche Org.-Offizier und der Sachbearbeiter für Finanzökonomie ihre Bleibe gefunden. Stellvertreter für Rückwärtige Dienste (RD) und der Abteilungs-Ing. (AI), der sich später Stellvertreter für Schiffsmaschinen-Einsatz (SME) nennen wird, teilen sich den Raum 4. Es folgen drei Einzelzimmer für Leiter der Politabteilung (LPLA), Stabschef (SC) und ACH. Letzter Raum auf dieser Flurseite ist die VS-Stelle, schon an der vergitterten Tür zu erkennen. VS-Stellen-Leiter ist ein Berufsunteroffizier. Die hintere Flurtür führt zum „Stadion am Seekanal“, wie ein kleiner selbst angelegter Sportplatz liebevoll genannt wird.

Aber zurück zum Vordereingang. Auf der rechten Flurseite, gleich hinter dem Zimmer des Diensthabenden liegt ein kleiner Klubraum mit Fernseher und Aquarium. Vor dem Raum der drei Offiziere der Politabteilung, die wegen der „ständig wachsenden Bedeutung der politischideologischen Arbeit“ von den Stabsspezialisten als „Hauptbewaffnung“ gefrozzelt wird, befindet sich noch das Zimmer für den Nachrichten- und den Funktechnischen Offizier. Es folgt der etwas größere Raum 12, eine Kombination von Versammlungs-, Schulungs-, Klub- und Traditionszimmer. In der 11 arbeitet der Kaderoffizier, in dessen Zimmer auch der Oberchiffrierer, ein Berufsunteroffizier, der nicht im Standort wohnt, eine Bleibe für die Nacht findet. Jetzt zweigt vom Haupt-Flur ein Gang nach rechts ab. In diesem Barackenteil befindet sich der Arbeitsraum des Offiziers SMVM, dessen Aufgabenbereich – so deutet sich die Abkürzung – der Schutz vor Massenvernichtungsmitteln ist. Außerdem liegen in diesem Trakt die Waffenkammer und die Sanitärräume.

Pünktlich 08.00 Uhr meldet der SC dem ACH, daß alle Offiziere des Führungsorgans zur Morgenlage angetreten sind. Korvettenkapitän Kießling trägt Besonderheiten seines Wachdienstes vor und meldet den Einsatzklarzustand der Schiffe. An einer mit Plexiglas-Glas verkleideten Wandtafel wandert sein Zeigestock zu den dort gelisteten Störungsmeldungen und zum Auffüllungsstand an Treib- und Schmierstoffen bzw. an Tagessätzen Verpflegung. Zum Schluß seiner Meldung nennt er kurz die wichtigsten Maßnahmen, die die Schiffe für heute geplant haben. Die angetretenen Offiziere ergänzen die Meldung des DH. Der SC weist noch auf das 08.30 Uhr beginnende Stabstraining für das Führungspunkt-Personal im Raum 12 hin und nimmt die Gefechtseinteilung für den Führungspunkt vor, bevor der ACH mit einigen Kontroll-Aufträgen die Morgenlage beendet. Die in der Gefechtseinteilung festgelegten Offiziere müssen nach Dienst zu Hause über das Benachrichtigungssystem jederzeit erreichbar sein. Aber dazu später mehr.

Führungspunkt? Nach Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft handelte das Führungsorgan der KSSA in zwei Gruppen. Der Führungspunkt des ACH, zu dem SC, LPLA, die GASpezialisten, zwei Offiziere der Politabteilung, der Offizier SMVM und der Oberchiffrierer gehören, steigen auf das Führerschiff der Abteilung auf und unterstützen den Chef bei der Führung der Abteilung in See. Ab der Stufe Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr laufen die KS-Schiffe ihre Dezentralisierungspunkte in der Tromper Wieck an. Dann hat der ACH Aufgaben als Chef der Suche in der UAW-Zone Nr. 2 der Volksmarine zu erfüllen. Mit Hilfe des Führungspunktes koordiniert, führt und kontrolliert er die Handlungen der UAW-Schiffs- und Hubschrauberkräfte der Volksmarine und zugeteilter Kräfte der Vereinten Ostseeflotten in Suchgebieten, die sich nördlich und östlich von Rügen befinden. Die nicht zum Führungspunkt gehörenden Offiziere bildeten die sogenannte Gruppe der zurückbleibenden Kräfte. Sie hielten nach Ablegen der Schiffe die Dienstorganisation an Land aufrecht, sicherten das Stabsgebäude oder erfüllten Mobilisierungsaufgaben in der Flottille, wenn entsprechende Empfangspunkte zu besetzen waren.

Nach der Morgenlage wird Kießling vom neuen Diensthabenden abgelöst. Inzwischen werden im Raum 12 Tische und Stühle für das Stabstraining zurecht gerückt und Karten ausgebreitet. Die beteiligten Offiziere legen Dienstvorschriften, Auskunftsmaterial und ihr persönliches Arbeitsmaterial bereit. Der Stabschef verliest einen fingierten Gefechtsbefehl des Flottillenchefs, in welchem der ACH als Chef eines küstennahen Geleites befohlen wurde. In drei Stunden hätte er dem FCH den Entschluß zur Erfüllung dieser Aufgabe zu melden. Dazu ist eine Entschlusskarte zu erarbeiten, die die vermuteten Handlungen des Gegners und die geplanten eigenen Abwehr-Handlungen darstellt, die Geleitformation und -route festlegt und für die Führung der Kräfte wichtige Tabellen wie die Schemata der Gefechtsorganisation, der Nachrichtenverbindungen und für Kurzsignale enthält. Außerdem ist der Text der Entschluss-Meldung militärisch kurz aber aussagekräftig nach folgender fester Gliederung zu formulieren:

  • Befohlene Aufgabe,
  • Schlussfolgerungen aus der Beurteilung der Lage, bezogen auf Gegner, eigene Kräfte und hydrometeorologische Bedingungen im Seegebiet,
  • Idee des ACH als eine Zusammenfassung der wichtigsten Maßnahmen zur Lösung der befohlenen Aufgabe,
  • Organisation der Gefechtssicherstellung (Aufklärung, Abwehrarten, funkelektronischer Kampf, Schutz vor Massenvernichtungsmitteln, Tarnung und Täuschung des Gegners),
  • rückwärtige Sicherstellung,
  • Organisation des Zusammenwirkens der Kräfte nach Methode, Ort und/oder Zeit,
  • Organisation der Führung.

Um das alles in der vorgegebenen Zeit zu schaffen, muß die Arbeit zwischen den einzelnen Offizieren sinnvoll aufgeteilt und nach Zeit gut koordiniert sein. Ziel des heutigen Trainings ist es, die Arbeitsorganisation zu prüfen und einen Muster-Entschluß für die Aufgabe Geleit zu erarbeiten. Deshalb werden, als der Entschluß steht, Karte, Text und Ablauf des Trainings gemeinsam kritisch unter die Lupe genommen. Wo verbessert werden kann, wird korrigiert. Navigations- und UAWOffizier erhalten die Aufgabe bis zum Wochenende eine Entschlusskarte zum Thema vorzubereiten, in welcher wesentliche und typische Elemente und Schemata einer Geleitüberführung bereits mit Bleistift vorgezeichnet sind, während der Stabschef in einer VS-Kladde den letzten Entschlusstext deutsch und russisch festhält. Beides wird später der Gefechtsdokumentation des Führungspunktes beigestellt und wird helfen, einen Entschluß in kürzester Zeit zu erarbeiten, wenn dem ACH eine solche GeleitAufgabe tatsächlich gestellt würde.

Inzwischen ist es Mittag geworden. Der „alte“ Diensthabende hat frei und kann nach Hause gehen. Eine Mittagspause von 12.00 bis 13.20 klingt zunächst einmal sehr lang. Bedenkt man aber, daß es vom KSS-Stab bis zur Großküche der Flottille, wo die Esseneinnahme erfolgt, mindestens 15 Minuten Fußweg sind, relativiert sich das schnell. Nicht umsonst hat sich wegen der langen Wege in der Flottille die Mehrzahl ein Fahrrad zugelegt. Am Nachmittag kontrollieren die Spezialisten die Ausbildung an Bord oder nehmen selbst Normen auf den Gefechtsstationen ab. Um 16.30 Uhr sitzen alle wieder beim SC und berichten über Pünktlichkeit, Qualität und Ergebnisse der Ausbildung. Wie im täglichen Dienst üblich, ist 17.00 Uhr Dienstschluß. Der immer etwas misstrauische ACH prüft, daß sich auch keiner vorzeitig abgesetzt hat.

Außer der taktischen Ausbildung, von der im Halbjahr 48 Stunden durchzuführen waren und zu der z. B. die geschilderte Stabsdienst-Ausbildung gehörte, haben die Angehörigen des Führungsorganes auch allgemeine Ausbildung zu absolvieren. Dazu zählen Schießausbildung, MKE (Militärische Körperertüchtigung –so die etwas umständliche NVA-Bezeichnung für Dienstsport) und Ausbildung im Schutz vor Massenvernichtungsmitteln. Geschossen wird mit der Pistole „Makarow“ auf dem Schießstand der Flottille, der auch für Nachtschießen eingerichtet ist. Gelegentlich sieht der Halbjahresplan auch Werfen scharfer Handgranaten vor. MKE ist mit zwei Stunden pro Woche eine Mischung aus Pflichtdisziplinen und freudbetontem Sport. Bei letzterem sind Fußball und Volleyball unter Nutzung des „Stadions am Seekanal“ die eindeutigen Favoriten. Bei Schlechtwetter steht die Sporthalle der Flottille zur Verfügung. Die Ausbildung im Schutz vor MVM beinhaltet als theoretischen Teil Unterweisungen zu atomaren, chemischen und bakteriologischen Kampfmitteln und deren Einsatzgrundsätze durch den wahrscheinlichen Gegner sowie Maßnahmen des Schutzes. Praktisch werden die Normen zum Anlegen der persönlichen Schutzausrüstung und die Handhabung des medizinischen Schutzpäckchens (MSP) trainiert. Da steht man also auf dem Flur, Stahlhelm auf, Schutzmaskentasche linkerseits am Mann, Kampfanzug bei Fuß. Mit der Stoppuhr in der Hand gibt der Offizier SMVM das Kommando „Gas!“ Luft anhalten. Die Stahlhelme scheppern zu Boden. Die rechte Hand zerrt die Schutzmaske aus der Tasche, stülpt sie über das Gesicht und mit der linken Hand werden die Halteriemen hinter dem Kopf gerade gerückt! Hörbar ausatmen. Fertig! Das Aufsetzen des Stahlhelms zählt schon nicht mehr zur Norm. Jeder Fehler setzt die Note um eine Stufe herab. Neben der taktischen und allgemeinen Ausbildung gehören zum Ausbildungssystem des Führungsorganes auch zwei zusammenhängende Tage GWW (Gesellschaftswissenschaftliche Weiterbildung) im Monat.

Mittwochs ist Planungstag. Vormittags werden innerhalb des SC-Bereiches und der Politabteilung die Maßnahmen der kommenden Woche beraten. 13.30 Uhr erscheinen die I. WO’s der Schiffe im Dienstzimmer des SC. Anwesend sind jetzt auch die anderen Stellvertreter des Chefs. Tageweise tragen die I. WO’s den geplanten Dienst der Schiffsbesatzungen in der folgenden Woche vor und fordern notwendige Sicherstellung an. Das kann Ausbildungs- oder Werkstattpersonal sein. Es kann sich um Räume im Stab, um Kabinette der Lehrbasis, die Sporthalle, das Schiffs-Sicherungs-Kabinett oder den Schießplatz handeln. Zur Seeausbildung benötigt man z. B. von der Hilfsschiffs-Abteilung, die zu den rückwärtigen Diensten der Flottille zählt, einen Schlepper mit Scheibe oder einen Tanker. Zur rückwärtigen Sicherstellung gehört das wöchentliche Ausrüsten mit Verpflegung und BA (Bekleidung und Ausrüstung). Je nach Verantwortungsbereich notieren sich die Stellvertreter des ACH diese Forderungen, denn am Donnerstag vormittags ist Planungstag in der Flottille und dort bekommt man diese Forderungen dann entweder bestätigt oder – weil es Überschneidungen gibt – abgelehnt, was dann wieder Planänderungen nach sich zieht. Der Planungszyklus endet am Donnerstag damit, daß den I. WO’s solche Änderungen mitgeteilt werden und SC bzw. LPLA ihre Unterstellten in den endgültigen Wochenplan der Schiffe und ihrer eigenen Dienstbereiche einweisen.

Zu den täglichen Arbeiten im Führungsorgan gehören Schulungen bzw. Dienstbesprechungen bei den fachlichen Vorgesetzten in der Flottille, eigene Schulungen oder Beratungen mit den GAKommandeuren und Abschnittstechnikern, Selbststudium zur Weiterbildung in der fachlichen Funktion, Kontrollen des Wartungszustandes der Technik und der Qualität der Bordausbildung, die Laufendhaltung der eigenen Nachweisführung im Verantwortungsbereich und eine Stunde wöchentlich Waffenreinigen. Einer der Wertmesser für die fachliche Qualifikation des Bordpersonals – und damit auch für die Wirksamkeit des jeweiligen Stabsspezialisten – ist die Anzahl der verliehenen Klassifizierungsabzeichen, die es in den Stufen I, II und III gibt. Diese begehrten Abzeichen verlangen Kenntnisse und Fertigkeiten in der Beherrschung der Technik und Bewaffnung, die über das normale Maß hinausgehen. Während die Stufe III durch die Offiziere des Abteilungsstabes selbst abgenommen wird, darf für die Stufen II und I nur der Flottillenstab prüfen. Es spricht für das gute Verhältnis zwischen Schiffen und Stab, daß die Stabs-Spezialisten persönlich die Prüflinge in der Vorbereitung auf dieses schwierige Examen unterstützen.

Gelegentlich wurde nach Dienst auch gefeiert. „Kurzlage“ war der Deckname für eine solche Aktion, die meist im Klubraum stattfand. Bei belegten Brötchen, einer Flasche Bier und etwas höherprozentigen Getränken wurden Geburtstage begangen oder an Tagen wie dem 1. Mai oder 7. Oktober Beförderungen bzw. Auszeichnungen begossen. Es blieb aber alles im Rahmen. Schluß war immer dann, wenn es am Schönsten war.

Alles in allem ist das Arbeitsklima im Stab weniger hektisch und nicht so von Zeitdruck geprägt, wie der Tagesdienst einer Bordbesatzung. Zeit für ein Schwätzchen bei einer Tasse Kaffee findet sich immer. Aber die scheinbare Gemütlichkeit ändert sich spätestens dann, wenn – in der Regel nur zur Überprüfung – höhere Stufen der Gefechtsbereitschaft ausgelöst werden.

So hat der nach Kießling aufgezogene Diensthabende der Abteilung nachts 02.00 Uhr gerade seinem Gehilfen den Dienst übergeben, um noch drei Stunden zu ruhen, da dröhnt das Alarmhorn im Flur eine Minute lang monoton und nervenaufreibend das Signal für Gefechtsalarm. Solche Alarmgeber sind in allen Gebäuden der Dienststelle und auf den Piers installiert. Sie werden zentral vom OPDienst der Flottille betätigt. Von dort kommt schon parallel auf der Wechselsprechanlage die Weisung: „Lösen Sie ….. (es folgte ein Kennwort) aus. X-Zeit 02.00 Uhr. Es folgen Einschränkungen!“ Beim Diensthabenden lagern Umschläge für die „scharfe“ oder übungsmäßige Auslösung höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft, die mit verschiedenen Kennwörtern gekennzeichnet waren. Bevor der Diensthabende den betreffenden versiegelten Umschlag öffnet, befiehlt er zur Sicherheit noch an die Schiffe: „Lösen Sie Gefechtsalarm aus! X-Zeit 02.00 Uhr.“ Es könnte ja sein, daß der Pier-Alarmgeber einen Defekt hat. Dann reißt er den Umschlag auf, sieht, daß es sich um „Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr zur Übung“ handelt und notiert sich für die Rückmeldung das Kontroll-Kennwort. Er legt sich die Tabelle der ersten Handlungen bereit, die den Ablauf der nächsten 60 Minuten vorschreibt. Inzwischen hat sein Gehilfe die blaue Notbeleuchtung auf dem Flur zugeschalten und alle Dienstzimmer verdunkelt. Danach wird er an Bord entlassen, um dort seine Gefechtsstation zu besetzen.

Schon meldet sich wieder der OP-Dienst: „Es gelten folgende Einschränkungen: E5, E8, E12, E17, …“ Diese Einschränkungen sind notwendig, weil die Tabelle der ersten Handlungen der Diensthabenden und die „Pläne der Überführung auf höhere Stufen der Gefechtsbereitschaft“ für den Ernstfall erarbeitet sind. Bei Übungsalarm werden aber nicht alle dort aufgeführten Handlungen durchgeführt. Zum Beispiel werden keine Einsatzfilter, MSP oder volle Kampfsätze an Pistolenmunition ausgegeben oder an Bord werden die Wasserbomben nicht aufgezündert. Das steuert sich mit den genannten Einschränkungen.

Inzwischen haben die Schiffe, die sofort mit dem Seeklarmachen begonnen hatten, die Auslösung des Alarms abgemeldet. Der Diensthabende der Abteilung gibt die Meldung weiter an den OP-Dienst: „ … (Kontroll-Kennwort) ausgelöst, x-Zeit 02.04 Uhr.“ Über das Kontroll-Kennwort prüft der OP-Dienst, ob von den drei möglichen Stufen der Gefechtsbereitschaft (EG – Erhöhte Gefechtsbereitschaft, GK – Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr, VG – Volle Gefechtsbereitschaft) die richtige ausgelöst wurde. Laut Tabelle der ersten Handlungen muß der DH als nächstes die Offiziere anrufen, die nicht im Benachrichtigungs-System der Flottille erfasst sind.

Ein Wort zum Benachrichtigungssystem: Für die wichtigsten Dienststellungen waren Wohnungen auf der Hohen Düne und in Markgrafenheide vorgesehen. Die Häuser waren ebenfalls mit Alarmgebern (Horn oder Klingel) ausgestattet. Diese wurden wochentags täglich 19.00 durch drei kurze Signale überprüft. Danach trabte ein Läufer mit der Frage „Hat’s gehupt?“ von Haus zu Haus. Während nach einer Alarmierung die auf der Hohen Düne wohnenden per Rad oder zu Fuß in die Dienststelle eilten, sammelten sich die Markgrafenheider auf einem Stellplatz an der „Alarmeiche“. Der Baum konnte nichts dafür, daß er im Flottenjargon so getauft wurde. 15 Minuten nach Alarm-Auslösung fuhr von dort ein LKW die Benachrichtigten zur Dienststelle. Als die Neubaugebiete Dierkow und Toitenwinkel östlich der Warnow entstanden, war man bemüht, die Berufssoldaten der 4. Flottille dort zu konzentrieren, also von der Stromfähre in Warnemünde unabhängig zu machen. Jeder wurde in einem Benachrichtigungs-Bezirk erfasst, für den ein Matrose als Melder verantwortlich war. Die mit Krad ausgerüsteten Melder übernachteten täglich im Kommando der VM in Rostock-Gehlsdorf. Bei Alarm sausten sie los und arbeiteten ihre Alarmierungsliste ab. Vom KFZ-Park in Warnemünde wurden mehrere LKW’s zu den Stellplätzen in den Neubaugebieten in Marsch gesetzt, um die Alarmierten in die Dienststelle zu bringen. Nur einige wenige noch westlich der Warnow wohnende Berufssoldaten waren in keinem zentralen System zu erfassen und wurden durch die Diensthabenden telefonisch mit den Worten „Kommen Sie sofort zur Dienststelle, x-Zeit … Uhr!“ benachrichtigt.

Nach diesem Anruf hat unser Diensthabender jetzt erst einmal etwas Luft, bis ACH oder SC eintreffen. Dafür legt die Norm 20 Minuten fest. Einer von beiden musste laut Gefechtseinteilung immer erreichbar sein, um die Führung zu übernehmen. Nur diese beiden sind berechtigt, der beim DH lagernden Alarmdokumentation den vollständigen „Plan der Überführung der KSSA auf höhere Stufen der Gefechtsbereitschaft“ zu entnehmen und anhand dieses Planes die weiteren Handlungen zu kontrollieren. Zu befehlen ist kaum etwas, da auch auf den Schiffen die Maßnahmen bis zum Auslaufen über eine Tabelle der ersten Handlungen vorgeschrieben sind.

Etwa 50 Minuten nach Alarmauslösung treffen keuchend die alarmierten „Heimschläfer“ ein. Vom Halteplatz des LKW bis zum Stab war es noch ein ganzes Stück. Laufschritt ist angesagt. Ein Offizier aus der Gruppe der zurückbleibenden Kräfte löst sofort den Diensthabenden ab, der zum Führungspunkt-Personal gehört. Auch das war in der täglichen Gefechtseinteilung berücksichtigt. VSStelle und Waffenkammer werden geöffnet. Gegen Abgabe einer Waffenkarte sind Pistolen, Munition und Dosimeter zum Messen einer eventuellen Strahlungsbelastung zu empfangen. X+60, die Schiffe sind inzwischen seeklar, hat sich der ACH persönlich auf dem täglichen Gefechtsstand der Flottille zu einer letzten kurzen Einweisung beim Flottillenchef zu melden. Der SC prüft die Vollzähligkeit des Führungspunkt-Personals und entlässt den Raketenwaffen-Offizier zur Kontrolle an Bord, denn nach Abschluß des Seeklarmachens bereiten sich die Schiffe auf die Komplettierung des RaketenKampfsatzes vor. Bis x+90 ist der Führungspunkt an Bord zu entfalten. Der SC legt fest, wer –außer der persönlichen – noch welche Führungspunkt-Ausrüstung auf das Führerschiff zu schleppen hat. Schwerbepackt hastet dann die Gruppe über den dunklen Plattenweg in Richtung Pier. Außer Schutzmaske, Kampfanzug See, Pistole, dem Nötigsten für individuelle Hygiene und persönlichem Arbeitsmaterial sind zwei VS-Koffer, ein Koffer mit Zeichenmaterial und eine ca. 1,80 Meter lange Rolle, in der sich vorbereitete Lage- und Entschlusskarten befinden, auf das Führer-Schiff zu transportieren. Alle Außenbeleuchtung ist abgeschalten, die Flottille inzwischen vollständig abgedunkelt. In der Finsternis könnte man denken, die Gruppe ist mit einem rückstoßfreien Geschütz oder einem Granatwerfer bewaffnet.

Die Pier ist durch die Raketentransport-LKW’s und Kranwagen der RTK (Raketentechnische Kompanie) blockiert. Das scheinbare Durcheinander hat System. Als der Kran gerade ein Geschoß an Bord abgesetzt hat, drängelt sich die Stabs-Gruppe an Bord. Auf dem HBS des Führer-Schiffes wird auf dem achteren Koppeltisch die Lagekarte ausgebreitet. Der SC teilt zwei Wachen für die Bereitschaftsstufe 2 ein. Die jeweilige Wachdauer ordnet sich den Wachwechseln der Bordbesatzung unter. Das Gefechtstagebuch wird eröffnet. Während immer noch Raketen übernommen werden, kontrollieren die Stabs-Spezialisten den Seeklar-Zustand ihrer GA’s. Endlich die Meldung: „Raketenübernahme abgeschlossen!“ Mit der telefonischen Abmeldung dieser Maßnahme beim OPDienst holt der ACH gleichzeitig die Auslaufgenehmigung ein. Führungspunkt an Kommandant: „Telefon einnehmen! Ablegen!“ „Telefon eingenommen!“ meldet der GA-IV ab. HBS an Schanz: „Alle Leinen los und ein!“ HBS an Back: „Hiev Anker!“ Die Ankerkette strafft sich, ganz allmählich und dann immer schneller entfernt sich das Heck des Schiffes von der Pier.

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