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Pr. 133.1 – das neue UAW-Schiff der Volksmarine

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift „Militärwesen“ Heft 5/85. Verfasser waren Konteradmiral Wolfgang Laue (Chef der Verwaltung Schiffbau der VM, verstorben 1996) und Kapitän zur See Manfred Röseberg (Mitarbeiter der Verwaltung Schiffbau im MfNV). Wir haben uns für einige Auszüge aus diesem Artikelent schieden. Zugesandt hat ihn uns Herr Helmut Bechert, treuer Begleiter und kritischer Leser unserer Hefte. 

Beginnend mit dem Jahr 1981 wurden der Volksmarine neue U-Boot-Abwehrschiffe zugeführt. Sie lösen die bisherigen Schiffe dieser Zweckbestimmung, bekannt geworden unter dem Projektnamen „Hai“ bzw. der Projektnummer 12.4 M, ab, die ihren Dienst seit Anfang der 60er Jahre versahen, d. h. sie waren länger als 20 Jahre im Einsatz. Das neue UAW-Schiff Projekt 133.1 lässt sich nur noch bedingt mit seinem Vorgänger vergleichen. Das betrifft insbesondere die Bewaffnung mit den dazugehörigen Waffenleitanlagen, aber auch andere elektronische Ausrüstungen, die Antriebsanlage und die Schiffsgröße. Mit dem Projekt 133.1 wurden der Volksmarine neue UAW-Schiffe zugeführt, die einen hohen Kampfwert verkörpern und alle für die Durchführung von UAW-Aufgaben in der Verantwortungszone der Volksmarine unter den heutigen Bedingungen gestellten Anforderungen erfüllen. Nachfolgend wird auf einige Besonderheiten der Entwicklung und des Einsatzes dieses Schiffstyps eingegangen, da sie taktische, technische und militärökonomische Zusammenhänge deutlich machen.

Zur Entwicklung des Schiffstyps

Werfterprobung
Werfterprobung

Das UAW-Schiff Projekt 133.1 ist das erste Kampfschiff der Volksmarine, welches von der Idee bis zur Einsatzreife in enger Zusammenarbeit mit der UdSSR entstand. Diese Zusammenarbeit begann mit Beratungen des Chefs der Volksmarine mit dem Oberkommandierenden der sowjetischen Seekriegsflotte in den Jahren 1972 und 1973. Sie setzte sich in Form intensiver Abstimmungen der einzelnen Entwicklungsetappen mit Spezialisten des sowjetischen Kriegsschiffbaus fort. Das sicherte die Nutzung der Erfahrungen der sowjetischen Seekriegsflotte und der Industrie und wird auch bei weiteren Werfterprobung Projekten zum Tragen kommen. In der Anfangsphase wurde eine Vielzahl von Lösungsvarianten erarbeitet und beraten. Die jetzt realisierte Lösung wurde aus operativ-taktischen, technischen und ökonomischen Gesichtspunkten von allen Beteiligten als die günstigste Variante angesehen.

Als zweite Besonderheit ist zu nennen, dass die Industrie der DDR – neben einem hohen Anteil an eigenen Ausrüstungen, Einrichtungen und einigen Neuentwicklungen – bei diesem Projekt erstmalig sowjetische Anlagen und Geräte in Lizenz gefertigt hat. Diese Lizenzproduktionen waren kein einfacher Nachbau auf der Basis übergebener technischer Unterlagen. Unter Nutzung eigener spezifischer Technologien und von Bauelementen aus der DDR-Produktion wurden teilweise erhebliche Veränderungen vorgenommen. Als wesentlichste dieser veränderten Ausrüstungen, in deren Bezeichnungen dann teilweise auch die Projektnummer des Schiffes auftaucht, sollen hier genannt werden:

  • Transporteinrichtung für reaktive Wasserbomben (TU 133.1),
  • Fördereinrichtung für reaktive Wasserbomben (ÄRGB-133.1),
  • Aussetzvorrichtung für die Antenne der absenkbaren hydroakustischen Anlage MG 329 (M-ASV-G 10),
  • Hüllkörper für die Antenne der hydroakustischen Anlage MG 322 T (Werkstoff Titan),
  • schalldämmende Beläge für bestimmte Bereiche des Schiffes.

Drittens wäre hervorzuheben, dass sechs verschiedene Waffensysteme, darunter drei für die Erfüllung der Hauptaufgabe UAW so in das Schiff eingepasst werden mussten, dass eine möglichst hohe Effektivität erreicht wird. Eine Vielzahl weiterer technischer Mittel, Ausrüstungen und Anlagen für Navigation, Nachrichten, funkelektronischen Kampf und Schutz vor MVM erforderten die Suche nach neuen technischen Lösungen. Das wurde schließlich durch eine intensive und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen der Werft, der Verwaltung Schiffbau und der Volksmarine erreicht. Auch die Initiative der speziellen Außenhandelsorgane der DDR soll hier nicht unerwähnt bleiben. Durch zentrale staatliche Beauflagung wurde das Programm innerhalb unseres Landes und durch ein langfristiges Regierungsabkommen mit der UdSSR außenhandelsseitig abgesichert. Dies hatte um so größere Bedeutung, da nunmehr bereits eine Serie dieser Schiffe in einer entsprechenden Modifizierung (Projekt 133.2) für die UdSSR gebaut wird, d. h. erstmalig werden der sowjetischen Seekriegsflotte Schiffe aus DDR-Produktion zugeführt.

Vor der Einführung in die Volksmarine wurden die beiden ersten Serienschiffe in den Jahren 1980/81 einer umfangreichen Erprobung unterzogen. Dabei wurden insgesamt 57 verschiedene Erprobungsthemen abgearbeitet, die bis zum gefechtsnahen Einsatz aller Waffensysteme reichten. Dazu waren 200 Seetage mit einer Gesamtfahrstrecke von 18.500 Seemeilen erforderlich (als Vergleich: Seeweg Rostock – Murmansk etwa 1780 sm).Schließlich wurde der Nachweis erbracht, dass dieser Schiffstyp die gestellten taktisch-technischen Forderungen erfüllt.

Bb-Seite Brücke
Bb-Seite Brücke
Maschinenleitstand
Maschinenleitstand

Hauptdaten des Projektes 133.1 im Vergleich mit demProjekt 12.4 M („Hai“)

Parameter Projekt 133.1 Projekt 12.4 M
Volldeplacement 821 t 328 t
Länge über alles 75,20 m 51,39 m
Breite über alles 9,80 m 6,60 m
Tiefgang maximal 4,41 m (bis Unterkante Hüllkörper) 2,07 m
Antriebsanlage 3x Dieselmotor 2x Gasturbine, 1x Dieselmotor
Maximalgeschwindigkeit 25 kn 32 kn
Max. Suchgeschwindigkeit 18 kn 12 kn
Besatzung 59 Mann 32 Mann
Raketenbewaffnung 2x Vierfachstarter Strela
Artilleriebewaffnung 1x 57mm Doppellafette mit Waffenleitanlage
1x 30 mm Doppellafette mit optischem Visier
2x 30 mm Doppellafette mit Waffenleitanlage
UAW-Bewaffnung 4x Torpedorohre mit Waffenleitanlage
2x RBU-6000 mit Waffenleitanlage
2x Ablaufgerüste unter Deck mit Fernsteuerung
4x RBU-1200 mit Waffenleitanlage
2x Ablaufgerüste
Mittel des FEK Funkmessaufklärungsstation
2x Düppelwerder PK-16
12x Winkelreflektoren
Einsatzfähigkeit Wind 11, See 9 für die Ostsee
Wind 10, See 8 für die Nordsee
bis See 5 Waffeneinsatz ohne Einschränkungen

Bisherige Einsatz-Erfahrungen

Trotz intensiver und umfangreicher Erprobungen der ersten Schiffe stehen noch Erkenntnisse aus, die nur durch den Einsatz in der Flotte, mit einer größeren Anzahl von Schiffen und über einen längeren Zeitraum gewonnen werden können. Nur dadurch sind in erforderlicher Breite positive oder auch negative Erfahrungen zu erhalten; man gewinnt Vergleichsmöglichkeiten zwischen einzelnen Schiffen unter verschiedenen Einsatzbedingungen und objektivoder subjektiv bedingte Erscheinungen sind besser zu unterscheiden. Deshalb gilt der Grundsatz, dass es auch nach Indienststellung der ersten Schiffe bis zum Abschluss der Serie noch einen „gleitenden Erkenntniszuwachs“ und demzufolge entsprechende Verbesserungen technischer wie auch organisatorischer Art gibt.

Bei den UAW-Schiffen des Projektes 133.1 traten diegeringsten Schwierigkeiten in den GefechtsAbschnitten auf, in denen bereits bekannte Waffen und Geräte zum Einsatz gelangen. So hatte sowohl bereits die Werft mit dem Einbau als auch die Volksmarine mit dem Einsatz der WaffenSysteme 57 mm Doppellafette AK 725 mit Waffenleitanlage MR 103, 30 mm Doppellafette mit optischer Visiersäule und Luft- und Seeraumbeobachtungsanlage MR 302 von den Landungsschiffen des Projektes 108 her zu tun. Allerdings stellen Anordnung und Zusammenwirken auf jedem neuen Schiffstyp auch neue Anforderungen, die entsprechend zu beachten sind. Auch die reaktiven Wasserbombenwerfer RGB-6000 mit Waffenleitanlage und die hydroakustische Anlage MG 322 T waren bereits mit den Küstenschutzschiffen des Projektes 1159 in der Volksmarine eingeführt worden.

Mehrere Anlagen und Geräte wurden aber erstmalig eingesetzt und müssen demzufolge erst einmal beherrscht werden. Das trifft u. a. zu für die

  • Antriebsanlage, bestehen aus drei Hochleistungsdieselmotoren M 504 A3 und drei Antriebswellen mit Verstellpropeller auf der Mittelwelle,
  • UAW-Torpedorohre mit Waffenleitanlage,
  • absenkbare hydroakustische Ortungsanlage MG 329 M – Bojenüberwachungsanlage MG 409 K.
Torpedorohr 1 und 3 Quelle: Dieter Flohr
Torpedorohr 1 und 3
Quelle: Dieter Flohr

Dass dabei natürlich Probleme auftreten können, seiam Beispiel der gegenseitigen Beeinflussung von Antriebsanlage und hydroakustischer Ortungsanlage erläutert. Mit der unter dem Kiel des Schiffes angeordneten, fest eingebauten Antenneder hydroakustischen Ortungsanlage MG 322 T werden bei günstigen hydrologischen Bedingungen Ortungsreichweiten bis etwa 9 km erreicht. Sprungschichten und andere Störeinflüsse vermindern diese Reichweite, ohne dass mit technischen Mitteln darauf Einfluss genommen werden kann. Um günstige Ortungsbedingungen zu erhalten, muss jedoch auch der Störpegel der eigenen Schiffsgeräusche, besonders der von den Propellern abgestrahlte Lärm gering gehalten werden. Das kann durch günstiges Fahrtregime der Maschinenanlage unddurch Einblasen von Luft in den Propellerstrom beeinflusst werden. Deshalb wäre unter diesem Aspekt bei gleicher Geschwindigkeit das Fahren mit drei Motoren – wegen der verminderten Propellerbelastung jedes einzelnen Motors und damitgeringerer Geräuschabstrahlung – dem Zwei-Maschinenbetrieb vorzuziehen. Das gilt für höhere Geschwindigkeiten,die in der Gefechtsvorschrift für UAW-Schiffe (DV 200/0/026) für die Suche und Bekämpfung von U-Booten prinzipiell gefordert sind.

Für das Fahren mit geringer Geschwindigkeit bietet die Mittelwellenanlage mit dem Verstellpropeller günstige Voraussetzungen. Das UAW-Schiff Pr. 133.1 besitzt damit eine variable Antriebsanlage, mit der der gesamte Geschwindigkeitsbereich von 0 – 25 kn praktisch stufenlos abgedeckt wird. Dabei sind jedoch auch Vorgaben, die vom Hersteller der Dieselmotoren festgelegt sind oder wegen bestimmter Basierungsbedingungen (lange Revierfahrt) zu beachten. Das gilt sowohl für die Nutzung der Dieselmotoren bei geringer Laststufe als auch für das Mitdrehen der geschleppten Außenwellen.

Beides ist aus technischen Gründen nur eine bestimmte Zeit möglich. Bisherige Erfahrungen besagen, dass U-Boote der NATO-Flotten, besonders die U-Boote der Typen 205 und 206 der Bundesmarine unter Wasser meist nur 4 – 7 kn laufen. Diese geringe Geschwindigkeit wäre für den Einsatz der hydroakustischen Ortungsanlage sehr günstig. Der Grad der Erfüllung der GefechtsdienstAufgabe „Begleitung langsam laufender U-Boote über längere Zeit“ wird deshalb besonders durch die Nutzungsbedingungen der Antriebsanlage bestimmt. Soist es zum Beispiel erst ab 12 kn möglich, in verschiedenen Betriebsregimen zeitlich unbegrenzt zu fahren. Eine Geschwindigkeit von vier Knoten kann nur mit der Mittelmaschine bei entsprechender Zuordnung der Propellersteigung und nur für maximal zwei Stunden gefahren werden. Dann muss dieDrehzahl zwecks Freibrennen des Motors für kurze Zeit erhöht werden. Dieser Tatsache müssen die Führung des Schiffes und der GA-V Rechnung tragen. Zwangsläufig müssen die taktischen Prinzipien die technischen Möglichkeiten berücksichtigen!

Betriebsarten der Antriebsanlage
Betriebsarten der Antriebsanlage

Der komplexe Zusammenhang zwischen Technik und Taktik lässt sich noch an einem anderen Beispiel darlegen. Die absenkbare hydroakustische Anlage MG 329 M ist für UAW-Schiffe der Volksmarine neu. Die ungünstigen hydrologischen Bedingungen in der Verantwortungszone der Volksmarine (Sprungschichten) sind bekannt. Die neue Anlage ermöglicht es aber, eine Verbesserung der Ortungsmöglichkeiten von U-Booten zu erreichen.Grundvoraussetzungen dafür sind:

  • das Beherrschen dieser Anlage
  • das exakte Zusammenwirken zwischen Schiffsführung, Maschinenpersonal, Bedienungspersonal der Anlage sowie der UAW-Schiffe untereinander.

Die mit hydroakustischen Anlagen zu erzielenden Reichweiten und die Dauer des Kontakthaltens hängen nicht nur von den technischen Parametern dieser Anlagen, sondern in starkem Maße vom Ausbildungsstand der Besatzung ab. Die bisher in der Praxis erreichten Reichweiten mit der absenkbaren Anlage MG 329 liegen teilweise unter den technischen Grenzwerten, sie sind mit zunehmender Erfahrung mit Sicherheit noch beträchtlich zu steigern.

Dieser Beitrag hat bewusst nur einzelne Schwerpunkte und Zusammenhänge der Entwicklung und des Einsatzes der UAW-Schiffe Projekt 133.1 berührtbzw. dargestellt. Die effektive Nutzung der taktisch-technischen Möglichkeiten, die diese Schiffe bieten, stellt hohe Anforderungen an die Qualifikation und die Fertigkeiten der Besatzungen.

Zusammenfassend ist festzustellen:

  1. Das neue UAW-Schiff Projekt 133.1 verkörpert sowohl jahrzehntelange Erfahrungen der speziellen Schiffbauindustrie der DDR als auch umfangreiche Erfahrungen unserer sowjetischen Waffenbrüder.
  2. Es ist das bisher kampfstärkste Schiff, welches in der DDR für die Volksmarine gebaut wurde. Es besitzt einen bedeutend höheren Kampfwert als vorangegangene UAW-Schiffe.
  3. Das Schiff besitzt Bewaffnung, spezielle Ausrüstungen und schiffbauliche Parameter, mit denen im Bereich der Nord- und Ostsee – und sicher auch in anderen Seegebieten – die gestellten Aufgaben unter modernen Bedingungen erfüllt werden können.
  4. Von Ausbildungsjahr zu Ausbildungsjahr kämpfen die Besatzungen der Schiffe um höhere Leistungen in der Gefechtsausbildung und im Gefechtsdienst. Dadurch wird gewährleistet, dass die Möglichkeiten der Schiffe beim spezifischen Einsatz, aber auch bei der Erfüllung einer Vielzahl anderer Aufgaben immer besser genutzt werden.

 

One thought on “Pr. 133.1 – das neue UAW-Schiff der Volksmarine

  1. bitte korriegieren:

    Dass dabei natürlich Probleme auftreten können, seiam Beispiel der gegenseitigen Beeinflussung von Antriebsanlage und hydroakustischer Ortungsanlage erläutert. Mit der unter dem Kiel des Schiffes angeordneten, fest eingebauten Antenneder hydroakustischen

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