home Schiffe und Stützpunkte Küstenschutzschiffe der Sowjetunion 1945 – 1990

Küstenschutzschiffe der Sowjetunion 1945 – 1990

von Hans Steike
veröffentlicht in KSS Broschüre 10

Die Schiffsklasse der Fregatten suchte man in den früheren sozialistischen Flotten vergebens. Die sowjetische Seekriegsflotte gebrauchte für Mehrzweck-Kampfschiffe mittlerer Größenordnung den Begriff „сторожевой кораблъ“ (СКР), was übersetzt etwa „Wachschiff“ heißt. Die größten Vertreter ihrer Art erreichten ein Volldeplacement von über 4000 t und stießen so bereits in die Schiffsklassen der Zerstörer und der Großen UAW-Schiffe vor. Unterhalb der Klasse der SKR fanden sich – von den Aufgaben her ähnlich – die UAW-Schiffe (противолодочные корабли, ПК) wieder. Die größeren unter ihnen mit einem Volldeplacement aber noch deutlich unter 1000 t entsprachen etwa den Korvetten westlicher Flotten. In der Volksmarine der DDR wurde für „Wachschiff“ der Begriff „Küstenschutzschiff“ (KSS) verwandt. KSS der Projekte 50 und 1159 zählten während ihrer Dienstzeit zu den größten Einheiten der maritimen Kräfte der DDR. Beide Projekte waren Importe aus der Sowjetunion. Die DDR-Produktion Projekt 133.1, zuerst als UAW-Schiff und ab 1986 als KSS 3. Ranges klassifiziert, war ein typischer Korvettenvertreter. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die im Jahr 2000 erschienene Beilage „морская коллекция“ zu der Zeitschrift „моделист-конструктор“ mit dem übersetzten Arbeitstitel „Küstenschutzschiffe der Seekriegsflotte der UdSSR und Russlands 1945 – 2000“, Untertitel „Übersicht über den Schiffsbestand“. Meinen hier vorliegenden Auszug lasse ich aber bereits 1990 enden, also zu einem Zeitpunkt, wo auf unseren KSS die Dienstflagge der Volksmarine für immer niedergeholt wurde.

Zu erkennen ist, dass es bei den KSS der Sowjetunion sowohl folgerichtige Entwicklungslinien gab, wobei ein Projekt durch Vervollkommnung der Bewaffnung und Ausrüstung auf das vorherige aufbaute, aber auch qualitative Sprünge mit völligen Neuentwicklungen. In der Grundbezeichnung werde ich für die russische Abkürzung CKP die deutschen Buchstaben SKR verwenden. TTD und alle Seitenrisse stammen aus der genannten Beilage. Die Texte wurden nicht wortwörtlich übernommen und teilweise mit eigenen Gedanken untersetzt.

Projekt 29, sowj. Typbezeichnung „Jastreb“

Dieses Schiff wurde bereits in den Jahren1938-39 entwickelt. 1941 hatte man den Bau von 14 Einheiten vorgesehen. Der Überfall Hitlerdeutschlands kam dazwischen. Bei Kriegsende hatte man lediglich ein einziges Schiff fertig gestellt. Nach dem Krieg wurden dann nur noch fünf Schiffe des modernisierten Projektes 29K gebaut. Die Veränderungen zum Grundtyp 29 betrafen die Verstärkung der Luftabwehrbewaffnung und die Ausrüstung mit einer Funkmess- und einer hydroakustischen Station. Trotzdem galten die Schiffe bei Indienststellung bereits als veraltet. Die letzten SKR des Projektes 29K gingen Ende der 50iger/ Anfang der 60iger Jahre außer Dienst. Einige Daten:

Deplacement voll: 1266 t Deplacement normal: 1091 t
Länge : 85,74 m Breite : 8,40 m
Tiefgang : 2,89 m Besatzung : 174 Mann
Dampfkessel-Anlage: 2x 13.000 PS V max: 31 Kn
Artilleriebewaffnung : 3x 100 mm B-34, 4x 37mm 70K, 3x 12,7mm FlaMG
UAW-Bewaffnung: 2 Ablaufgerüste

projekt-29-Jastreb

Projekt 42

Die Entwicklung erfolgte in den Jahren 1947 bis 1949 auf der Grundlage des Projektes 29K. Der voll geschweißte Glattdecker war deutlich größer als sein Vorgänger, stärker bewaffnet und seetüchtiger. Eine Regierungskommission befand das Schiff allerdings für zu groß und im Bau zu aufwendig. Deshalb kam es nicht zur ursprünglich geplanten Großserie. Laut Namensliste wurden in den Jahren 1949 bis 1952 lediglich 8 Schiffe in Kaliningrad gebaut. Die erste Indienststellung erfolgte 1952. Die Außerdienststellungen begannen Ende der 60iger Jahre. Durch mehrmaliges Modernisieren – wobei das Schiff immer mehr einem Zerstörer ähnelte – schafften es die letzten Einheiten bis in die Mitte der 70iger Jahre. Daten:

Deplacement voll: 1679 t Deplacement normal: 1509 t
Länge : 96,1 m Breite : 11,0 m
Tiefgang : 3,96 m Besatzung : 211 Mann
Dampfkessel-Anlage: 2x 13.910 PS V max: 29,7 Kn
Artilleriebewaffnung : 4x 100 mm B-34 U, 2x 37mm W-11-M
Torpedobewaffnung: 1x 3er Rohrsatz TA
UAW-Bewaffnung: 4x BMB-1, 2 Ablaufgerüste (später 2x RBU 1200, dann RBU-2500 mit
128 RGB-25)

projekt-42

Projekt 50

Dieser Schiffstyp ist den älteren unter uns noch in guter Erinnerung. Als KSS Projekt 50 fuhren sie von 1956 bis 1977 unter der Flagge der SSK bzw. der VM der DDR. Alle vier Schiffe waren in Kaliningrad in den Jahren von 1953 bis 1955 gebaut worden. Die SKR der Projekte 50 waren praktisch der Ersatz für die geplatzte Großserie des Projektes 42. Die gewünschte Verkleinerung wurde mit Verzicht auf eine 100mm-Waffe und den Ersatz des Dreier- durch einen Zweier-Torpedoapparat erreicht. Gleich drei Werften wurden mit dem Bau beauftragt: Nikolajew, Komsomolsk am Amur und Kaliningrad. Von diesem Schiffstyp wurden insgesamt 68 Einheiten von 1950 bis 1958 in der Sowjetunion und 4 Schiffe auf Lizenz in China gebaut. Außer in die DDR exportierte die SU diese SKR auch nach Indonesien (9), Bulgarien (2) und Finnland (2). Mitte der 70iger Jahre unterstützten SKR mit sowjetischen Besatzungen auf Bitten der jeweiligen Regierungen auch die SSK Ägyptens und Syriens mit Überwachungsaufgaben. Es war auch unsere Erfahrung: Diese Schiffe waren äußerst robust und verfügten über sehr gute See-Eigenschaften. Durch zwischenzeitliche Konservierung innerhalb der sowjetischen Seekriegsflotte schaffte es das letzte SKR des Projektes 50 doch tatsächlich bis in das Jahr 1990(!). Die in der sowjetischen Literatur genannten Daten weichen geringfügig von den uns bekannten ab. Auch die Umrüstung von RBU-1200 auf RBU-2500 betraf die KSS der Volksmarine nicht mehr:

Deplacement voll: 1337 t Deplacement normal: 1116 t
Länge : 90,9 m Breite : 10,2 m
Tiefgang : 2,90 m Besatzung : 168 Mann
Dampfkessel-Anlage: 2x 10015 PS V max: 29,0 Kn
Artilleriebewaffnung : 4x 100 mm B-34USM-A, 2x 37mm W-11-M

UAW-Bewaffnung: anfangs Hedgehog-Werfer (später 2x RBU-1200, dann 4x RBU 1200,
dann RBU-2500 mit 128 RGB-25), 4x BMB-1, 2 Ablaufgerüste
Torpedobewaffnung: 1x 2er Rohrsatz TA

Projekt 50

Projekte 159, 159 M, 159 A und 159 AЭ

Diese Projektreihe wurde ursprünglich als UAW-Schiff konzipiert. Da sich während der Konstruktion zeigte, dass sich das Deplacement stark dem SKR Pr. 50 annäherte, erfolgte dann eine Zuordnung in die Schiffsklasse der SKR. Mit diesem Projekt verabschiedete man sich vom Dampfturbinenantrieb und ging zum kombinierten Antrieb Diesel-Gasturbine über. Dabei arbeitete der Diesel auf die Mittelwelle und die Gasturbinen auf je eine Außenwelle. Von den 1958 bis 1974 auf den Werften Kaliningrad, Zelenodolsk und Chabarowsk gebauten 49 Einheiten gehörten die letzten 29 zum Typ 159 A, erkennbar am Übergang vom RBU-2500 auf den RBU-6000, einem zweiten Torpedorohrsatz und neuer Ortungstechnik. Der Exportvariante AЭ allerdings wurde der RBU-6000 noch vorenthalten. Exportiert wurde nach Vietnam (5), Indien (3) und Syrien (1). Die Ukraine übernahm nach Zerfall der Sowjetunion einige Einheiten. In der sowjetischen Seekriegsflotte gingen die letzten Schiffe 1995 außer Dienst. In dieser Projektreihe tauchen mit dem 76mm-Geschütz AK-726 und dem RBU-6000 Waffensysteme auf, die sich später auf dem Projekt 1159 wiederfinden werden.

Deplacement voll: 1077 t Deplacement normal: 938 t
Länge : 82,3 m Breite : 9,2 m
Tiefgang : 2,85 m Besatzung : 168 Mann
Gasturbinen: 2x 15.000 PS Diesel: 1x 6000 PS
V max: 33,0 Kn
Artilleriebewaffnung : 2x 76 mm AK-726
UAW-Bewaffnung: 4x RBU-2500 (später 2x RBU-6000), 1x (bzw. 2x) 5er UAWTorpedorohrsatz 40 mm

Projekt 159

Projekt 35

Die Konstruktion dieser Schiffe, Ausrüstung und Bewaffnung lehnten sich stark an die 159er Serie an. Entscheidender Unterschied war die Antriebsanlage. Projekt 35 verfügte über zwei Gasturbinen mit je 18.000 PS für einen Wasserstrahlantrieb. Zur Marschfahrt standen zwei Diesel mit je 6.000 PS zur Verfügung. Von 1961bis 1965 wurden in Kaliningrad 18 Schiffe dieses Typs gebaut, von denen die letzten bis 1992 im Einsatz waren.

Projekte 1159, 1159T und 1159TP

Dieses SKR war ausschließlich für den Export vorgesehen. Insgesamt wurden in Zelenodolsk 14 Schiffe gebaut. Zwei weitere – schiffbaulich leicht verändert – entstanden auf Lizenz in Jugoslawien. Von den sechs Einheiten der Grundvariante 1159 erhielt die Volksmarine drei: 1978 die „Rostock“, (141), 1979 die „Berlin“ (142) und 1986 die „Halle“ (143). Zu dieser Serie gehörte auch das Typschiff „Delfin“. Es war in Poti stationiert und diente der Ausbildung ausländischer Besatzungen. Hier lernten auch die Erstbesatzungen der „Rostock“ und der „Berlin“ endlich ihren zukünftigen Schiffstyp kennen. 1991 ging dieses SKR mit dem Namen „Smelij“ an Bulgarien. Die anderen zwei Schiffe der Grundserie hatte Jugoslawien erhalten. Von der Serie 1159T – eine spezielle Ausführung für tropische Bedingungen – wurden ebenfalls sechs Einheiten gebaut, von denen jeweils drei nach Algerien und Kuba exportiert wurden. Zwei Schiffe der Modifikation 1159TP erhielt Libyen. Sie verfügten über vier Starter für Schiff-Schiff-Raketen des Typs P-20M. Was wir auf unseren Schiffen schmerzlich vermissten, war schon späteren Schiffen der Serie 1159 teilweise nachgerüstet worden: UAWTorpedorohre und an beiden Bordseiten je zwei runde Startröhren für Modifikationen der Schiff-SchiffRakete P-15. Die in der Literatur genannten Daten weichen etwas von denen ab, die in den taktischen Formularen unserer drei Schiffe standen:

Deplacement voll: 1670 t Deplacement normal: 1593 t
Länge : 96,51 m Breite : 12,56 m
Tiefgang : 4,06 m Besatzung : 96 Mann (VM: 110)
V max: 29,7 Kn
Gasturbine: 1x 20.000 PS Diesel: 2x 8.000 PS
Raketenbewaffnung: 1x OSA M, optional: 4x P-15 bzw. P-20
Artilleriebewaffnung : 2x 76 mm AK-726, 2x 30 mm AK-230
UAW-Bewaffnung: 2x RBU-6000 (120 RGB-60), optional: 4x UAW-Torpedorohre

projekt-1159T

libysches 1159 TR
libysches 1159 TR
modernisiertes jugosl.1159
modernisiertes jugosl.1159

jugosl. Lizenzbau

jugosl. Lizenzbau

Projekte 1135 und 1135 M

Wenn es einen Schönheitspreis für SKR gegeben hätte, dann wäre dieses Schiff dafür prädestiniert gewesen. Die Konstrukteure hatten hier nicht nur auf die schon gewohnte russische Zweckmäßigkeit sondern auch auf Ästhetik geachtet. Davon konnten wir uns bei den Gemeinsamen Geschwadern der Verbündeten Ostseeflotten, an denen ständig SKR des Projektes 1135M beteiligt waren, immer wieder überzeugen. Nur ein kleines Detail: über Mast und Aufbauten zum Vorschiff hin verteilten sich Antennenkomplexe für die Luft- und Seeraumbeobachtung, Lenkung der Raketentorpedos, Feuerleitung der Artillerie und für das Luftabwehrsystem OSA-M. Die Konstrukteure hatten es geschafft, alle diese Komplexe quasi auf einer gerade abfallenden Linie anzuordnen. Noch besser als auf der Risszeichnung war das „in natura“ zu erkennen. Nun aber Schluss mit der Schwärmerei. Von diesem Typ wurden von 1968 bis 1981 von Werften in Kaliningrad, Kertsch und Leningrad insgesamt 33 Einheiten gebaut. Davon waren im Jahr 1990 noch alle Schiffe im Dienst der sowjetischen Seekriegsflotte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion übernahm die Ukraine drei Schiffe. Mitte der 80iger Jahre soll der Chef der Sowjetischen Seekriegsflotte dem Chef der Volksmarine angeboten haben, ein SKR des Projektes 1135M zu übernehmen, um eine Fliegerleitung in See zu gewährleisten. Leider unmöglich, bei den immer enger werdenden finanziellen und ökonomischen Ressourcen der DDR.

Deplacement voll: 3436 t Deplacement normal: 3013 t
Länge : 122,9 m Breite : 14,19 m
Tiefgang : 7,21m Besatzung : 180 Mann
Gasturbine: 2x 26.000 PS V max: 32 Kn
Raketenbewaffnung: 2x OSA M, später 2×4 Starter für Schiff-Schiff-Raketen „Uran“
Artilleriebewaffnung : 2x 76 mm AK-726, später 2x 100 mm AK-100
UAW-Bewaffnung: 4x zielsuchender Raketentorpedo „Memel“, 2x RBU-6000

Außer einer leistungsfähigen stationären Hydroanlage verfügten diese Schiff zusätzlich über eine absenkbare geschleppte, die auch bei relativ hohen Suchgeschwindigkeiten eingesetzt werden konnte.

projekt-1135

Projekt 11351

Auf der Basis des Projektes 1135 entwickelte man ein spezielles SKR für den Küstenschutz mit der vorrangigen Aufgabe die Interessen der Sowjetunion auf ihrem Festlandsockel und in der Fischereischutzzone zu sichern. Anstelle der Raketentorpedos stand auf der Back eine 100 mm AK-100. Die achteren Artilleriewaffen wurden abgerüstet. Damit ergab sich die Möglichkeit die Aufbauten als Hubschrauberhangar für einen Ka-27 PS zu verändern und das Achterschiff als Landeplattform zu nutzen. Insgesamt wurden acht Einheiten gebaut.

Projekt 11540, russ. Typbezeichnung „Jastreb“

Von diesem Typ existierten 1990 nur die ersten beiden Einheiten, die zu ihrer Zeit das modernste waren, was die sowjetische Flotte auf diesem Gebiet zu bieten hatte und die keinen Vergleich mit Fregatten der USA oder Westeuropas scheuen mussten.

Deplacement voll: 4350 t Deplacement Stand.: 3590 t
Länge : 129,8 m Breite : 15,6 m
Tiefgang : 8,35 m Besatzung : 210 Mann
Antriebsanlage: 4x Gasturbinen (2x 20.000 PS und 2x 37.000 PS)
V max: 29 Kn
Raketenbewaffnung: 4x Luftabwehrsystem „Kinschal“ (32 Raketen), 2x NahbereichsRaketen-und Artillerie-Luftabwehrsystem „Kortik“ (32 Raketen+3000
Schuss), 6x zielsuchender Raketentorpedo „Wodopad“ gegen Überund Unterwasserziele
Artilleriebewaffnung : 1x 100 mm AK-100, 2x 30 mm AK-630
UAW-Bewaffnung: 1x RBU-6000

Projekt 11450

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