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Im Schlepp von Sewastopol nach Warnemünde

Für diesen Beitrag zeichnen Wolfgang Rusch und Klaus Martin als Mitglieder unserer Marinekameradschaft verantwortlich. Günter Senf, Fred Fleischer und Dietrich Mahlkow unterstützten diese Arbeit, indem sie der Reisebeschreibung einige ihrer persönlichen Erinnerungen beisteuerten. 

Erschienen in KSS Broschüre Teil 3.

Im Juli 1978 wurde in Warnemünde das erste Schiff des Projektes 1159 als KSS „Rostock“ in Dienst gestellt. Die Werft dieser ausschließlich für den Export gebauten Schiffe, die u. a. auch die jugoslawische und kubanische Marine erhielten, befand sich im Schwarzen Meer. Während die später der Volksmarine übergebenen Schiffe „Berlin“ und „Halle“ über die Binnenwasserstraßen der Sowjetunion zu Komplettierungswerften an der Ostseeküste und von da aus nach Warnemünde gelangten, wurde die Baunummer 1159/1 in Verantwortung der sowjetischen Seite von Sewastopol durch das Mittelmeer und weiter bis Warnemünde geschleppt. Sinn der Sache war wohl, die Hauptmaschinen mit möglichst geringen Maschinenstunden an den neuen Eigner zu übergeben. Daß man damit aber die Hilfsmaschinen einer besonderen Tortur aussetzte, spielte entweder nur eine untergeordnete Rolle oder wurde einfach nicht bedacht. Aber Schwamm darüber!

Schlepp-von-Sewastopol-nach-Warnemuende-01Mit der eigentlichen Aufgabe, die lange Überführungszeit zu nutzen, um sich mit dem Schiff vorab gründlich vertraut zu machen, nahm auch eine Gruppe der Volksmarine an dieser Aufgabe teil. Von der zukünftigen Besatzung waren das außer dem Kommandanten Günter Senf die Kommandeure der Gefechtsabschnitte I, IV und V, Joachim Klaus, Klaus Martin und Fritz Schmökel sowie der BMSR-Techniker „Luczi“ (Stabsobermeister Luczak). Aus verschiedenen Stäben bzw. Fach-Diensten stiegen Wilfried Beloch, Dietrich Mahlkow und Wolfgang Rusch ein. Fred Fleischer, Spezial-Propagandist des Kommandos der VM, war für die politische Arbeit eingesetzt und erfüllte zusätzlich Aufklärungs-Aufgaben. Dazu war er von der Abteilung Aufklärung des Kommandos mit hochwertiger japanischer Fototechnik ausgerüstet worden.

Die Reise begann am 13. Mai 1978 ganz unspektakulär ab Rostock Hauptbahnhof mit dem D 523 nach Berlin. Auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld wartete der Flug SU 114 Ziel Moskau auf uns. Beim Einchecken gab es unverständlicherweise Vorbehalte des Zolls gegen eine kleine Reiseschreibmaschine, die Wolfgang Rusch mitführte. Es gelang aber, die Zöllner davon zu überzeugen, daß sie wirklich dienstlichen Zwecken diente und nicht zum Verhökern bestimmt war. In Moskau übernachteten wir und weiter ging es am 14.05. mit dem Flug Moskau – Simferopol. Hier landeten wir gegen 14.00 Uhr und wurden von Korvettenkapitän Stepanow, Chef einer U-JagdAbteilung, empfangen. Sein Spitzname war, wie wir später erfuhren, Papa. So werden wir ihn in unserem Reisebericht auch weiter nennen. Er stellte sich als Verantwortlicher für die Überführung und später die Übergabe des KSS an die Volksmarine vor.Nach Landessitte bewirtete uns Papa mit sehr hochprozentigem Feuerwasser, bevor und während es per Bus entlang der Schwarzmeerküste durch den Kurort Jalta und vorbei am riesigen Pionierlager „Artek“ weiter nach Sewastopol ging.

Klar, daß wir sehr gespannt auf unser zukünftiges Schiff waren. Als wir an Bord eintrafen, ging es dort noch ziemlich unruhig zu. Die Vorbereitungen für die Überfahrt waren noch in vollem Gange. Unsere Unterbringung erfolgte in Zwei-Mann-Kammern im Offiziersdeck. Hier war alles tiptop vorbereitet und wir brauchten nur noch unsere persönlichen Utensilien verstauen. Für die Überführung war eine Besatzung zusammengestellt, die zwar nicht ganz Gefechtsstärke erreichte, die aber durchweg aus erfahrenen Matrosen, Unteroffizieren und Offizieren bestand. Zugestiegen waren außerdem einige Zivilisten. Wie wir bald erfuhren, handelte es sichum Service-Personal für die Hauptbewaffnung bzw. wichtige technische Anlagen. Sie waren für diese Aufgabe direkt von den jeweiligen Herstellerfirmen abgestellt worden. Einige der als GA-Kommandeur eingesetzten sowjetischen Offiziere und einige der Spezialisten werden für zehn Monate in Warnemünde bleiben und unter Führung von Korvettenkapitän Stepanow die deutsche Besatzung bei der schnellen Beherrschung ihres Schiffes unterstützen. Am Abend zeigte uns Papa die Stadt. Dann ging es gemeinsam in ein gemütliches Restaurant und erst als dieses schloß, kehrten wir ziemlich knülle an Bord zurück.

Auslauftag war der 15.05. Fregattenkapitän Fleischer überraschte mit dem Vorschlag, eine zeitweilige Parteigruppe zu bilden, um die Überfahrt auch zur regelmäßigen politischen Arbeit zu nutzen. Die Notwendigkeit verstand zwar keiner so richtig, aber wie damals eben üblich, traute sich auch niemand, dagegen zu sprechen. Schließlich kam Fred Fleischer ja von der politischen Verwaltung des Kommandos der Volksmarine und musste es wissen. Also wurde die Gruppe durch einstimmigen Beschluß sanktioniert. Fritze Schmökel traf dasAmt des Parteigruppen-Organisators. Fred Fleischer wurde sein Stellvertreter. Aus heutiger Sicht gesehen, hatten wir mit der Bildung dieser Gruppe ein echtes Selbsttor geschossen, was sich noch mehrmals zeigen sollte.

Bis zum Auslaufen verblieb noch etwas Zeit. In kleinen Gruppen gingen wir nochmals in die Stadt und kauften Souvenirs für unsere Lieben zu Hause ein. Kaum an Bord zurück, begannen schon die Grenzformalitäten. Auch der Zoll überraschte mit einer Kontrolle. Schmuggelware wurde nicht gefunden. Wilfried Beloch hatte sich einen kleinen Kühlschrank für seine Laube gekauft und diesen mit Hilfe der Stammbesatzung zollsicher in der Bilge versteckt. Irgendwie kam die Sache aber dem Stellvertreter des Parteigruppen-Organisators zu Ohren, der sofort eine erste Beratung verlangte, um das Fehlverhalten des Genossen Beloch parteilich zu ahnden. Begründung: Durch solche Einkäufe werde dazu beigetragen, im sozialistischen Bruderland Engpässe an Waren des täglichen Bedarfs zu vergrößern. Ziemlich weltfremd, diese Meinung. Die meisten von uns, vor allem die KSS’ler, waren schon oft dienstlich in der SU gewesen, hatten dort eingekauft, was es bei uns zu Hause schlecht, gar nicht oder nicht so billig gab, und so wussten wir,daß Kühlschränke oder E-Heizungen in Massen in den Geschäften standen. Und wenn wir ganz tief in uns selbst gingen, waren wir viel größere EngpaßSünder als Wilfried. Wie soll man ihn da verurteilen? Er kam also ungeschoren davon.

Kaum war diese Sache abgehakt und als hätten wir daraus nichts gelernt, begingen wir schon die nächste kleine Verfehlung: Die letzten Rubel wurden an einem liegeplatznahen Kiosk zu Wodka veredelt und in einem Koffer durch Werks-Personalunauffällig an Bord gebracht, denn zumindest laut Befehl bestand strengstes Alkoholverbot auf dem Schiff. Diesmal blieb die Aktion unbemerkt. Die Partei-Gruppe musste nicht bemüht werden. Außerdem wäre zu damaliger Zeit in der SU alles möglich gewesen, aber kein Engpaß an Wodka. Von der Aera Gorbatschow ahnte man noch nichts.

Inzwischen war der Schleppzug klar zum Ablegen. Auf dem KSS war eine Drei-Punkt –Befestigung für die Schleppleine aufgeschweißt. Schleppverbindung wurde hergestellt. Nach offizieller Verabschiedung durch höhere Offiziere der Schwarzmeer-Flotte bekamen Stammbesatzung und Werft-Personal noch kurz Gelegenheit von den auf der Pier versammelten Angehörigen Abschied zu nehmen. 14.40 Uhr Ortszeit nahm der Hochsee-Schlepper „Wladimir Rusanow“ unter den Klängen eines Militärorchesters langsam Fahrt auf. Die Schleppleine kam steif. Sacht driftete der Bug des KSS von seinem Liegeplatz weg. Der Schleppzug setzte sich in Bewegung. Die Musik auf der Pier wurde leiser und leiser. Nachdem wir den Hafen von Sewastopol verlassen hatten, empfing uns das Schwarze Meer. In einiger Entfernung passierte uns der gerade in Dienst gestellte Flugzeugträgers „Minsk“ mit Kurs Sewastopol einlaufend.

Bei ruhigem, sonnigen Wetter und mit fast 8 Knoten sollten wir zwei volle Tage bis zum Bosporus benötigen. Noch begeisterten wir uns an den rasantenSprüngen flinker Delphine, die uns gelegentlich begleiteten. Später wurde das zur Normalität. Tagsüber machten wir uns allgemein mit dem Schiff und jeder speziell mit der Technik seines Abschnittes vertraut. Die heißesten Stunden wurden zum ausgiebigen Sonnenbaden genutzt. Zwei an Oberdeck installierte Duschen sorgten für Abkühlung. Erste Freundschaften mit der Stammbesatzung und mit Werks-Spezialisten wurden geschlossen. Schließlich war am Horizont die türkische Küste schwach zu erkennen. Wir näherten uns der Grenze zwischen Europa und Asien. Da wir uns in Küstennähe nicht in Volksmarine-Uniform an Oberdeck zeigen sollten, halfen uns die Industrie-Spezialisten mit zivilen Kleidungsstücken aus. So getarnt liefen wir am 17.05. in die Meerenge ein.

Schon ab der Passage des Bosporus wurde unser Schleppzug pausenlos durch NATO-Kräfte aufgeklärt bzw. begleitet. Zum einen wusste man wohlnicht so recht, welches Endziel die Fahrt hat. Zumindest war das aus einem Artikel der BRD-„Marinerundschau“ zu vermuten, der uns nach dem Ende der Fahrt in Warnemünde zugänglich wurde. Vorrangig dürfte es aber wohl um Aufklärungsdaten zum Schiff selbst gegangen sein. Im Bosporus umkreisten uns pausenlos mehrere Motor-Jachten. „Da ist ja auch „Onkel Wanja“!“ Papa machte uns auf eine größeres Boot aufmerksam und erklärte, daß es mit Aufklärungspersonal der türkischen Flotte – möglicherweise auch mit Amerikanern – in Zivil besetzt sei. Onkel Wanja war wirklich äußerst lästig. Es gab wohl keinen Zentimeter an Bord des KSS, der nicht gefilmt wurde. War kurze Zeit mal ein Schott auf, stand Onkel Wanja querab und riesige Teleobjektive versuchten einen Blick ins Innere des Schiffes. Vermutlich wollte man auch Schiffsfelder einmessen, denn anders waren einige riskante Manöver und Annäherungen des Aufklärers nicht zu erklären. Onkel Wanja begleitete uns bis hinter die Europabrücke und hat bei seiner Arbeit bestimmt einige Kilometer Film verbraucht.

Doch schließlich nahm uns die herrliche Silhouette von Istanbul gefangen. Ein offensichtlich geschichtskundiger unter den Spezialisten erzählt aus der Historie. Byzanz oder Konstantinopel sind alte Namen dieser Stadt, in der schon Griechen und Römer Geschichte geschrieben hatten. Als das römische Weltreich zerfiel, ließen sich in dieserStadt die Kaiser des Oströmischen Reiches krönen, ehe die osmanischen Sultane ihre Roßschweif-Banner hier aufpflanzten und Istanbul zur Hauptstadt eines riesigen Reiches machten. Europa an Steuerbord und Asien an Backbord und alles zum Greifen nah! Moscheen mit schlanken Minaretten – herausragend die prächtige Suleiman-Moschee – Paläste, Uferpromenaden, Wohngebiete, grüne Parks, Industrie- und Hafenanlagen glitten langsam vorüber. Vor uns taucht die eindrucksvolle Europabrücke auf. Wir durchfahren sie und lassen sie hinter uns. Zwischen den Kontinenten ein reger Schiffsverkehr mit teilweise abenteuerlichen Fahrzeugen. Doch allmählich treten die Ufer zurück. Das Fahrwasser wird breiter. Das Marmara-Meer liegt vor uns. An einigen größeren Inseln vorbei erreichen wir in aller Frühe des 18.05. die Dardanellen, ein zweites kanalartig enges aber weniger interessantes Fahrwasser zwischen dem osteuropäischem und westasiatischen Teil der Türkei. An Steuerbord-Seiteauf der Halbinsel Gallipoli verabschiedet uns das „Tor Europas“, ein riesiges Denkmal, das den 55.000 türkischen Soldaten gewidmet ist, die 1915 bei der Verteidigung der Dardanellen gefallen sind. Irgendwo auf der Backbord-Seite muß das legendäre Troja liegen.

Schlepp-von-Sewastopol-nach-Warnemuende-02Das Interesse der gegnerischen Aufklärung hatte zwischenzeitlich erst einmal deutlich nachgelassen. Erst als wir am 19.05. mitten in der griechischen Agäis stehen, kommen wieder „Gäste“. Griechische Zerstörer beschnuppern uns. Auch ein U-Boot ist zu beobachten. Mehrmals überfliegen uns griechische Maschinen. Dann wird es wieder ruhiger. Vermutlich begleiten uns die Griechen von den vielen Inseln aus ununterbrochen mit Funkmeß. Das ist weit weniger aufwendig, als ständig ein Schiff m Schleppzug zu haben. Erst nachdem wir die Inselgruppe der Kykladen passiert haben und das offene Mittelmeer erreichen, wird die andere Seite wieder aufdringlicher. Auch die ersten Aufklärungsflugzeuge der 6. US-Flotte tauchen auf. Am 20.05., wir standen zwischen dem Peloponnes und der Insel Zypern, kreuzt ein Verband von NATO-Kriegsschiffen unseren Kurs. Obwohl der Schleppzug deutlich die vorgeschriebenen Zeichen fährt und als solcher auch unschwer zu erkennen ist, weicht der Verband nicht aus. Es kommt zu einer gefährlichen Annäherung. Um eine Kollision zu verhindern, muß der Schlepper die Fahrt aus demSchiff nehmen. Dadurch läuft das KSS, das seine Maschinen nicht einsetzen kann, gefährlich nah auf. Die Situation wird so aber bereinigt. Entweder hat die andere Seite geschlafen oder sie beherrscht die international gültigen Ausweich-Regeln nicht oder es war Absicht, den Schleppzug zu behindern. Das sind genau die Situationen, die wir oft genug selbst in der Ostsee erlebt haben und die es einfach nicht gestatten, auch nur das geringste Vertrauen zur NATO aufzubauen.

Schlepp-von-Sewastopol-nach-Warnemuende-03Aber es soll nicht die letzte knifflige Situation gewesen sein, die mit der Aufklärung durch den „Gegner“ zusammenhängt. Zunächst einmal sind es seine Fliegerkräfte, die mehrmals täglich gegen jegliche internationale Gepflogenheiten verstoßend den Schleppzug in geringster Höhe überfliegen. Als das nach einigen Tagen urplötzlich aufhört und sich die Flieger im akzeptablen Abstand halten, teilt uns Papa mit, daß er beim Stab der Flotte um diplomatische Einflussnahme ersucht hätte. Zwischen den NATO- und den sowjetischen Verbänden, die sich im Mittelmeer gegenseitig belauern, gibt es kurze Dienstwege. Die Stammbesatzung vermutet allerdings noch einen weiteren Grund für die Wandlung: Papa hat mehrmals – das haben wir auch selbst beobachten können – Leuchtraketen in Richtung besonders aufdringlicher Piloten gefeuert. Wohl mit Erfolg.

Für uns etwas unverständlich legten UAW-Flugzeuge der NATO mehrmals Bojenfelder um den Schleppzug. Die Freunde klärten uns auf: Sowjetische U-Boote hatten sich in der Vergangenheit mehrmals organisiert oder „operativ“ unter Überwasserschiffen laufend der gegnerischen Aufklärung entzogen. Da will man sicher gehen, daß nicht auch unter uns ein dickerer Fisch schwimmt. Eine der hydroakustischen Überwachungsbojen, die Unterwasser-Geräusche aufspüren sollen, wurde durch uns gefischt und später in Warnemünde dem Kommando der Volksmarine übergeben.

21.05. – der erste Sonntag auf See. Das Wetter zeigt sich von der besten Seite. Der Schlepper stoppt und mit dem Verkehrsboot des KSS werden neue Filme abgeholt. Die anderen kannten wir schon fast auswendig und hätten mitspielen können. Zwei Vorführungen laufen täglich: die erste nachmittags in der Mannschafts-Messe und eine zweite spät abends an Oberdeck. Jeder Film beginnt erst dann, wenn Papa Platz genommen hat. Besonders beliebtbei der Crew sind Budjonny-Filme. Bei den Gefechten und Schlachten des legendären Reitergenerals geht die Besatzung so richtig mit. Auf der ganzen Fahrt wird es nur zwei Tage ohne Film-Vorführung geben: viel später bei einem schweren Sturm in der Nordsee.

Bedingt durch die gemächliche Fahrt hat sich nachwenigen Tagen eine gewisse Routine eingestellt. Der Tagesablauf ist fast immer gleich: Nach dem Frühstück wird gebüffelt, was heißt, daß wir uns mit der Technik und ihren Einsatz-Grundsätzen vertraut machen. Stammbesatzung und Werftspezialisten helfen dabei bereitwillig, denn jeder freut sich über kleine Abwechslungen. Zeit ist genügend vorhanden. Deutsche Ausbildungs-Dokumentation ist zu erarbeiten. Im Ein-Finger-Such-System klappert die vom Zoll in Schönefeld so argwöhnisch betrachtete Schreibmaschine fast den ganzen Tag. Daß seine GA-Kommandeure nicht faulenzen, dafür sorgt schon Günter Senf mit gelegentlichen Examina. Nach dem Mittagessen kleine Erholungspause in südlicher Sonne. Ist der Nachmittagsfilm beendet, verbleibt bis zum Abendbrot noch etwas Zeit, die meist wieder zum Lernen genutzt wird. Nach dem Abendbrot ist Freizeit angesagt, manchmalauch politische Arbeit. Fred Fleischer erläutert das gerade erschienene Buch „Die Seemacht des Staates“. Flottenadmiral Gorschkow, amtierender Chef der Sowjetischen Seekriegsflotte, begründet und erläutert darin die Grundzüge sozialistischer Seekriegs-Doktrin. Durch die ständigen Aufklärungs-Provokationen hilft uns die NATO, den Gedanken des Buches zu folgen. Vor dem Schlafen-Gehen gab es noch den „Wetschernij Tschaij“, also den abendlichen Tee, vergleichbar mit dem bei uns üblichen Mittelwächter. Dazu wurde ein wunderbares Brot gereicht. Es war mit Alkohol gebacken und konserviert. Vor dem Verzehr kurz aufgewärmt und frisch aus dem Ofen entwickelte es einen vorzüglichen Geschmack. Unbewusst zogen wir uns anfangs den Unmut der sowjetischen Offiziere zu. Wir aßen so viel davon, daß für die von Wache kommenden nichts mehr oder nur noch zu wenig da war. Aus Höflichkeit schwiegen unsere Gastgeber aber. Erst als wir uns vorsichtig nach dem Grund der finsteren Mienen erkundigten, konnten wir den Fehler ausbügeln und hielten uns zukünftig zurück, auch wenn es schwer fiel.

An die sonst übliche Bord-Verpflegung hatten wir uns inzwischen auch gewöhnt. Wir waren ja durch die Vorbereitungs-Maßnahmen in Baku und Poti trainiert. Das, was bei uns zu Hause die Kartoffel war, wurde durch Brot ersetzt. Fast jedes Gericht bestand aus sehr, sehr viel Wasser. An Kascha, den berüchtigten Graupen, führte kein Weg vorbei. Am besten mundeten noch die dürren „Presshühner“, wie wir Geflügel getauft hatten, was ganz entfernt an Broiler erinnerte. Daß im stark verdünnten Kompottsaft manchmal nur eine einzige Pflaume schwamm, damit musste man sich abfinden. Insgesamt kann man die Überfahrt vom Essen her durchaus unter Diät abbuchen.

Nachrichten aus der Heimat waren heiß begehrt. So erhielt Klaus Martin die tägliche Aufgabe, mit Unterstützung der Funker einen deutschen, nein, einen DDR-Sender zu finden. Auf Langwelle glückte das öfter. Nachrichtensendungen wurden auf Tonband aufgenommen und später beim Backen und Banken abgespielt. So waren wir nicht nur über Wetter und Fußball-Ergebnisse sondern auch über viele Ereignisse in der Heimat informiert.

So vier oder fünf mal während des langen Törns kommt auch der in Sewastopol noch im letzten Augenblick erstandene Wodka zu seinem Recht. Wie Verschwörer zieht sich dazu eine kleine Gruppe sicherheitshalber immer tief in den Bauch des Schiffes zurück. Vom Platzangebot her ist die HydroStation der geeignetste Raum. Von Volksmarine-Seite nimmt alles teil, was mit funktechnischen Mitteln zu tun hat, dazu Fritz Schmökel als LI. Von sowjetischer Seite sind immer Spezialisten und der Hydrotechniker dabei, manchmal auch Abgesandte des GA-V. Glücklicherweise gehört auch der Versorger des Schiffes zu den „Verschwörern“. Zu denstarken Getränken werden so auch appetitliche Happen gereicht. Und das beliebte Brot! Es bleibt aber alles im Rahmen und dient in der Hauptsache dazu, daß man sich persönlicher noch näher kommt, als das im täglichen Dienst überhaupt möglich ist. Diese Abende öffnen uns den Zugang zur russischen Seele und sichern uns die vollste Unterstützung der sowjetischen Seite bei der Erfüllung unserer Aufgaben an Bord. Alle unsere vielen fachlichen Fragen werden gründlich und geduldig beantwortet. Damit dient dieser kleine Verstoß gegen die Bordregeln eigentlich wiederum der Gefechtsbereitschaft der Volksmarine, oder?

Auch Sport an Bord ist möglich. Daß Volleyball inder SU besonders beliebt war, wussten wir schon. Zu unserem 1159-Lehrgang in Baku waren wir davon so angesteckt, daß wir in der Mittagspause bei 40° und weich werdendem Asphalt den Ball pausenlos über das Netz getrieben hatten. Aber selbst hier an Bord gab es Enthusiasten. Anstelle des Netzes wurde ein Tampen gespannt. Auch der Ball war an einer langen Leine befestigt. So konnte das Match dann losgehen. Aktive und Zuschauer fanden sich immer.

Da die Fahrt ja meist in Festland- oder zumindest Inselnähe verlief, war Fernsehen fast durchgängig möglich. Wegen der verschiedenen landestypischen Systeme wurden dazu die Eingangskreise der Bord-Apparate immer neu eingeregelt. Nun bekamen wir ein Problem: Es konnten ja nur Sendungen kapitalistischer Staaten empfangen werden und das verboten unsere Dienstvorschriften. Die Parteigruppe „bewährte“ sich wieder einmal: Um gar nicht erst schwach zu werden, wurde der Parteibeschluß gefasst, solche Sendungen zu meiden. Wo es nicht anders ging, zum Beispiel während des Backen und Bankens in der Messe, wurde demonstrativ weggeschaut. Unsere ideologische Standfestigkeit nahm die sowjetische Seite mit Befremden und höchster Verwunderung zur Kenntnis. Drastischer formuliert: Sie hielten das für ziemlich bescheuert. Einen ersten „Verstoß“ gab es aber doch: Papa Stepanow persönlich rief uns zu einer Sendung, in der der U-Boot-AbwehrGürtel der NATO im Atlantischen Ozean erläutert wurde. Papa gab zusätzliche Erklärungen, wies auf Lücken und Schwächen des Systems hin und ging kurzauf die technischen Möglichkeiten moderner sowjetischer Atom-U-Boote hin, um das System unbemerkt zu überwinden.

In der Nacht des 22.05. sorgt ein erster, nur kurzer Sturm für einige Stunden unruhiger Fahrt. Am Folgetag hat sich das Wetter wieder beruhigt und wir passieren Malta. Die Insel bleibt den ganzen Tag über in optischer Sicht. Am Abend ist die Straßevon Sizilien erreicht und es begannen die „drei sizilianischen Tage“. Erster Tag: Die Südost-Küsteder Insel ist mit Funkmeß auszumachen. Zweiter Tag: Wir schippern mit Nord-West-Kurs die Küste entlang. Die Entfernung ist aber zu groß, nur selten ist Land auszumachen. Dritter Tag: Die Westküste Siziliens verschwindet im Osten wieder vom Radarbild. Nach Verlassen der Straße von Sizilien führte der weitere Kurs ziemlich dicht an der nordafrikanischen Küste entlang Richtung West.

Am 24.05. trifft uns der zweite Sturm. Diesmal wirdes heftiger. Ein starker Westwind nimmt schnell zu und erreicht in Böen Windgeschwindigkeiten bis zu28 m/sek. Von vorn rollt eine grobe See an. Schlepper und KSS stampfen schwer und die Schleppleine wird arg strapaziert. Aber sie besteht diese Bewährungsprobe. Als der Sturm nach zwei Tagen endlich nachlässt, beginnt es zu regnen und so gab es anstelle der sonst salzhaltigen eine angenehme Süßwasser-Dusche an Oberdeck. Die Sonne bricht durch. Es wird heiß – bis 35° im Schatten. Die ersten Haie werden gesichtet.

Gegen 16.00 am 27.05. passieren wir den Null-Meridian und sind jetzt auf der westlichen Halbkugel. Es ist Sonnabend und Großreinschiff angesagt. BeimSpulen des Oberdecks kommt es zu wilden Wasserschlachten. Niemand nimmt es übel, kein Wunder bei dieser Hitze. Einen Tag später kann man – obwohl es Sonntag ist – Klaus Martin und Achim Klaus bei der Arbeit beobachten. Sie haben sich vom Bootsmann eine Persenning organisiert. Diese soll mit dem Schiffsnamen „Rostock“ beschriftet werden und dann nach dem Vorbild der Sowjetflotte die Stelling zieren, wenn das Schiff in Dienst gestellt ist. Günter Senf als zukünftiger Kommandant hat seine Genehmigung für dieses Vorhaben gegeben, obwohl nicht ganz klar ist, ob dieser für die Volksmarine neue Brauch nicht etwa gegen nationale Geheimhaltungsregeln verstößt. Er wird es nicht, und viele Schiffe werden diesem Beispiel folgen. Nur wird niemand mehr wissen, daß der Anstoß dazu von einem GA-I- und einem GAIV-Kommandeur von KSS an einem Sonntag im Mittelmeer gegeben wurde.An diesem historischen Tag erhielten die beiden Initiatoren zum Lohn für ihre Idee und ihre Arbeit aber nur einen kräftigen Sonnenbrand.

Allmählich näherte sich der Schleppzug der Straßevon Gibraltar, doch Frischware an Verpflegung und Trinkwasser wurden mittlerweile knapp. Es blieb nichts anderes übrig, als beim „Klassenfeind“ auszurüsten. Nach längerem Suchen in der Seekarte fand der Navigationsabschnitt vor der marokkanischen Küste endlich eine Ankerposition mit ca. 90m Wassertiefe, die für die 225m lange Ankerkette des KSS ausreichte. Die Schleppleine wird gelöst und mit eigener Fahrt steuert das Schiff seinen Ankerplatz an. „Fall Anker!“ Dieses Kommando wird am 29.05. gegeben; zum ersten Mal seit 14 Tagen ununterbrochener Fahrt. Der Schlepper lief Richtung spanische Küste ab, um im englisch verwalteten Gibraltar Trinkwasser zu bunkern und ausreichend Verpflegung einzukaufen, vor allem frisches Obst und Gemüse.

Schlepp-von-Sewastopol-nach-Warnemuende-04Die sowjetischen Fahrensleute hatten uns erklärt, mit welcher Methode Fischer vor der afrikanischen Küste unter Ausnutzung der Strömung auf Haifang gehen: An einer etwa 150 m langen Leine werden riesige Haken, bestückt mit Fleischködern, befestigt. Die Leine selbst ist mit einem großen roten Gummiball markiert. Hängt ein Hai erst einmal am Haken, zerrt er die Boje hinter sich her – an der Wasseroberfläche gut zu beobachten. Nicht immer ist gleich ein Fischer zur Stelle um den Fang zu bergen. Irgend jemand kam nun auf die Idee, so eine herrenlose Boje nebst Hai zu fischen. Die Seeraumbeobachtung wurde verstärkt und schließlich meldete ein Ausguck zwei rote Bälle in Schiffsnähe. Papa gestattete das Ausbringen des Motorbootes. An einem der Bälle hing tatsächlich ein Hai. Vorsichtig wurde das Fanggerät zum KSS geschleppt. Es glückte, und mit einiger Mühe konnte ein knapp 2 m langes Exemplar mit Hilfe der Rohre der achteren 76 mm an Oberdeck gezogen werden. Das Töten des Tieres war nichts für schwache Nerven. Erst nach vielen brutalen Schlägen mit dem schweren Bootshaken konnte ihm der Garaus gemacht werden. Der blutige Kadaver, immer noch am Geschützrohr befestigt, diente erst einmal als Fotoobjekt, bevor das Ausweiden begann. Die Flossen sicherte sich der Smutje. Begehrte Souvenirs waren die Zähne des Räubers. Achim Klaus kam auf die geniale Idee, die Haut als Souvenir für das KSSTraditionszimmer im Stabsgebäude zu retten. Zwei Tage lang machten wir uns an die Arbeit: Mit Skalpellen aus dem Med.-Punkt und allen Arten von Messern wurde das Tier sorgfältig enthäutet, die Haut gesalzen und dann zum Trocknen auf ein Gestell gespannt. Die Sonne erfüllte ihre Aufgabe aber schlecht. Statt zu trocknen ging die Haut in Fäulnis über. Nach drei Tagen stank sie so bestialisch, daß uns nichts anderes übrig blieb, als sie über Bord zu werfen. Für uns verwendbar blieben nur die Zähne des Räubers, die zu Hause als Souvenir verschenkt wurden. Fürs Traditionszimmer blieb aber kein Zahn übrig.

Nach Übergabe des benötigten Proviants spannte sich der Schlepper wieder ins Joch und steuerte Kurs Gibraltar. Nach der – von den ununterbrochenen Gegneraktivitäten und dem Hai-Abenteuer mal abgesehen – doch recht eintönigen und langen Mittelmeerfahrt freuten wir uns auf diese allgemein bekannte Passage. Diejenigen unserer sowjetischen Kameraden, die sie schon mehrmals befahren hatten, schwärmten von dem eindrucksvollen Felsen, der an unserer Steuerbord bald auftauchen würde. Aber Petrus meinte es nicht gut. Enttäuscht mussten wir feststellen, daß dort, wo der Felsen in Sicht kommen sollte, nur dichter Nebel lag. Der ständige Zankapfel zwischen Spanien und den Engländern, die diesen strategisch so wichtigen Ort partout nicht zurückgeben wollten, blieb am 31.05. unseren erwartungsvollen Blicken leider verborgen.

Weiter ging es immer an der spanischen und portugiesischen Küste entlang. Das Kap San Viciente, Europas südwestlichsten Zipfel, passierten wir am 01.06. in großer Entfernung. Auf dem Kap soll der lichtstärkste Leuchtturm Europas stehen, erfuhren wir vom Steuermann. Und weiter, daß das Kap im Mittelalter als das Ende der Welt galt. Das sollte sicherst ändern, als im 15. und 16. Jahrhundert von den kapnahen Häfen die portugiesischen Entdecker mit ihren Karavellen zu abenteuerlichen Seereisen aufbrachen. Der bekannteste von ihnen war wohl Vasco da Gama, der 1498 den Seeweg nach Indien um Afrika herum entdeckte, Portugal so den Gewürzhandel ermöglichte und damit das Land für lange Zeit zu dem damals reichsten in ganz Europa machte.

Schon seit Gibraltar verlief die weitere Fahrt nun wieder unter ständiger NATO-Begleitung. Um die iberische Halbinsel herum waren es spanische und portugiesische Kriegsschiffe. Eine portugiesischen Fregatte wünscht uns sogar gute Fahrt. Bereits in der Biskaya wurde ein Belgier zu unserem Aufpasser bestimmt. Die Biskaya selbst – eigentlich wegen ihrer vielen und heftigen Stürme gefürchtet – passierten wir am 05. und 06.06. bei anfangs regnerischem Wetter und wenig Wind. Trotzdem stand eine hohe Dünung von querab, die uns ganz schön zuschaffen machte. Das Schiff krängte bis 20°. Alles mußte festgezurrt werden und jedes Backen und Banken war ein lustiges Erlebnis. Bald schien aber wieder die Sonne und das Flugwetter lockte französische Hubschrauber und Flugzeuge zu unserem kleinen Verband. Inzwischen hat die Fußball-Weltmeisterschaft begonnen. Das ständige Ausrichten der Fernseh-Antenne wird zu einer Hauptaufgabe während der Spielübertragungen. Zum Glück konnten immer mehrere Fernsehprogrammeempfangen werden. Unser Anti-Fernseh-ParteiBeschluß gerät bei solchen Versuchungen ins Wanken und wird schließlich stillschweigend über Bord geworfen. Jeder guckt, wenn er kann und die Parteigruppe wird zu diesem Thema vorsichtshalber gar nicht erst bemüht.

„Schiffe ohne Rum stinken nach Jauche.“ So soll ein englisches Sprichwort lauten. Aber es stimmt nicht. Obwohl alle Alkoholvorräte inzwischen verbraucht sind, haben sich die Luft und die ganze Atmosphäre an Bord nicht verändert. Unsere sowjetischen Freunde werden immer neugieriger auf die DDR und fragen uns Löcher in den Bauch. Sehr lustig war es immer beim Feldscher. Eigentlich kam man nie am Med.-Punkt vorbei, ohne das man vom langen Feldscher-Arm weggefangen und über Gott und die Welt befragt wurde. Sogar in der Biskaya hielt er noch ein „Wässerchen“ bereit, um seinen Gästen die Zunge zu lockern. Interessantdabei: Er selbst trank keinen Tropfen Alkohol.

Schlepp-von-Sewastopol-nach-Warnemuende-05Am 7. Juni laufen wir in den Kanal ein, der England vom europäischen Festland trennt. Hier war für die Stammbesatzung Hochsee-Angeln angesagt. Heringe lieferten reiche Beute. Wir staunten über eine seltsame aber äußerst effektive Angelmethode. Benötigt wurde lediglich etwas Sehne und ein Haken. Als Köder dienten kleine bunte Federn, die die Matrosen aus ihren Kopfkissen zupften. Schwere Muttern, Schraubenschlüssel und andere unkonventionelle Beschwerungen sorgten dafür,daß das Fanggerät bei der starken Strömung überhaupt auf Tiefe kam. Durch ruckartiges Ziehen an der Sehne bewegte sich dieser Köder und spielte so den Heringen wohl eine schmackhaften Mahlzeitvor. Anders war der überwältigende Angelerfolg nicht zu erklären. Für eine Fischsuppe reichte es allemal. Nachdem wir über den Nullmeridian wieder die östliche Halbkugel erreicht haben, laufen wir in die Straße von Dover ein. Bei klarer Sicht sind an Backbord-Seite die hellen Kreidefelsen der englischen Küste zu erkennen. An Steuerbord liegt Calais. Reger Schiffsverkehr, kreuzende Fähren und schnelle Luftkissen-Schiffe, hier ist einiges zu sehen. Man kann sich gut vorstellen, welche nautische und navigatorische Umsicht dem Brückenpersonal des Schleppers jetzt abverlangt wird.

Die Nordsee war am 9. Juni erreicht. Der Belgier übergab die Begleitung an eine holländische Fregatte. Zwei holländische Starfighter nerven mit einigen direkten Überflügen in geringster Höhe. Später umkreist uns eine „Breguet Atlantik“ der Bundesmarine. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Der Wind blies mit stetiger Stärke 9 und der Wellengang erreichte Stärken von 7-8. Die Richtung der Wellen tat ein übriges. Das KSS krängt bis 30°. Die Schlepp-Geschwindigkeit verringert sich. Trotzdem wurde die Schleppleine immer heftiger strapaziert. Gerade noch zum Zerreißen gespannt, hing sie schlapp durch, um schon Sekunden später mit einem heftigen Schlag wieder das volle Gewicht von KSS und Schlepper zu übernehmen. Bei dieser Torturmuß früher oder später die Leine brechen. Das Kappen der Schleppverbindung und das weitere Überqueren der Nordsee mit eigener Kraft wird kurz erwogen, aber wieder verworfen. Statt dessen wird der Kurs des Schleppzuges am 10.06. nördlicher abgesetzt und die Schleppgeschwindigkeit auf minimal mögliche verringert. Ein BRD-Zerstörer vom Lüttjens-Typ mit Bord-Nummer D 187 läßt sich blicken. Vermutlich ist es ihm zu ungemütlich, denn bald verschwindet er wieder. Erst am 12.06. beruhigt sich der Sturm und die Fahrt geht geradewegs weiter Richtung Skagerrak. Als das erreicht ist, hat sich das Wetter vollkommen geändert: Sonne, Windstille, glatte See, klare Sicht. Sofort werden die Marineflieger der BRD mit mehreren Überflügen wieder aktiv. Im Kattegat sichten wir ein U-Boot der Bundesmarine. Ein dänischer Minenleger und ein Wachkutter tauchen auf. Ein U-Jäger „Daphne“ hängt am Schleppzug. Diese lästigen Begleiter mit ihrer langhaarigen Besatzung sind uns schon aus der Ostsee gut bekannt. „Pinscher“ werden sie respektlos in der sowjetischen Flotte genannt. Diese Bezeichnung war uns allerdings neu.

Am 14. laufen wir in den Großen Belt ein. Es ist jetzt nur noch eine knappe Tagesreise bis nach Hause und wir Gäste dieser langen Fahrt freuen uns schon auf die Heimat, vor allem aber auf das Zusammentreffen mit unseren Familien und den zu Hause gebliebenen Freunden und Kameraden. An Bord herrscht reges Treiben. Überall Farbarbeiten. Ein dänischer Wachkutter nähert sich so unverschämt dicht an, daß er mit einem C-Rohr des Feuerlösch-Systems vertrieben werden muß. Am Ausgang des Großen Belt lösen zwei Minensucher der Bundesmarine vom Typ „Schütze“ den Pinscher ab und übernehmen die weitere Eskorte. Deutlich ist auszumachen, daß wieder Kilometer an Zelluloid verfilmt werden. Dann ein erster kleiner Abschied: Beim Passieren von Fehmarn fällt der zutraulichen Brieftaube, die es so lange an Bord ausgehalten hatte, wieder ein, wozu sie eigentlich bestimmt ist. Schon im Mittelmeer völlig entkräftet aufdem Schiff gelandet, war sie durch die täglichen Fütterungen schnell wieder zu Kräften gekommen, blieb aber an Bord und gehörte schon fast zur Besatzung. Jetzt erhebt sie sich in die Luft und ist schon bald unseren Blicken entschwunden. Dann kommt der vor Fehmarn ständig besetzte Vorposten 72 der Volksmarine in Sicht. Als GA-IV- Kommandeur erhält Klaus Martin die Aufgabe, das dortvor Anker liegende MSR in die Nähe des KSS zu holen. Er kratzt alle seine Kenntnisse zusammen und morst mit dem großen Signalscheinwerfer den Vorposten an: „K an K, kommen Sie bitte längsseits.“ Siehe da, es klappte und mit dem Megaphon kann Günter Senf die Bitte übermitteln, dem OP-Dienst der 4. Flottille unsere Ankunft auf Reede für 15.00 Uhr anzukündigen.

Dann geht alles sehr schnell. Zuerst tauchtdie Kabelkrananlage der Warnow-Werft, später die Silhouette des Neptun-Hotels und schließlich der Leuchtturm von Warnemünde auf. Auf Reede werfen wir Anker. Der Kapitän des Schleppers gratuliert uns zur „Befreiung“. Es ist der 15. Juni 1978. Nach 31 Tagen und rund 4580 sm Fahrt durch Schwarzes Meer, Mittelmeer, Ostatlantik, Nordsee und Ostsee sind wir wieder zu Hause! Noch am gleichen Tag kommt Konteradmiral Kahnt, Chef der 4. Flottille, an Bord. Nach kurzer Begrüßung müssen wir mit leichter Enttäuschung zur Kenntnis nehmen, daß wir erst am nächsten Tag einlaufen und imStützpunkt Warnemünde festmachen werden. Dann gibt es noch einen kräftigen Rüffel: Fritz Schmökel und Achim Klaus hatten sich einen Schnauzer wachsen lassen. Das gibt es laut Dienstvorschrift der NVA nicht. Wir hatten so viel von der Sowjetflotte übernommen, aber die dort erlaubten, harmlosen, kleinen Bärte nicht. „Die Dinger sind morgen ab, sonst setzt es etwas!“ verabschiedet sich knurrend der Chef.

Dann ist es endlich so weit. Zum ersten Mal legt am 16. Juni ein KSS vom Projekt 1159 in Warnemünde an. Auf der Pier steht ein großes Empfangskomitee. An den Oberdecks aller Schiffe drängen sich Neugierige. Das Flottillenorchester spielt, als sich die zukünftige „Rostock“ langsam dem Liegeplatz nähert. „Vor- und Achterleine über!“ Die Wurfleinen erreichen im ersten Versuch die Pier. Das Leinenkommando zieht die schweren Festmacher-Leinen nach und legt sie über die Poller. Den Rest erledigen die Spills auf der Back und auf der Schanz. „Alle Leinen fest!“ Damit geht eine Reise zu Ende, die allen Beteiligten wohl ihr Leben unvergessen bleiben wird.

3 thoughts on “Im Schlepp von Sewastopol nach Warnemünde

  1. Sehr interessanter Bericht. Schön geschrieben und war damals halt Alltag bei den Marineeinheiten, dass der jeweilige Andere nervte. Aber gut finde ich wie auch hier der Zusammenhalt zählt. Danke für den aufschlußreichen Bericht.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ralf Wöller

  2. kannte den Bericht schon aus dem Buch Im Dienst der Volksmarine. Da ich von Juni 1982 bis November 1985 als Fahrmaat auf der Rostock diente, habe ich Kommandant Senf und LI Schmökel persönlich kennengelernt-von beiden wurde im Deck V nur mit Achtung gesprochen. Die Zeit auf 141 werde ich immer in guter Erinnerung behalten. A.Kinitz V-3-1

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